KAPITEL 1
Mein Name ist Wilko Johnson. Ich wurde 1947 als John Wilkinson auf Canvey Island geboren, einer Insel in der Themsemündung. Ich habe eine drei Jahre ältere Schwester und einen Bruder, Malcolm, der ein Jahr jünger ist. Canvey Island war mal Sumpfgebiet, zur Besiedelung zurückgewonnen von holländischen Pionieren im siebzehnten Jahrhundert. Flaches Land, umgeben von Ufermauern zum Schutz vor Hochwasser – ich prahle gern damit, unter dem Meeresspiegel zur Welt gekommen zu sein.
In meiner Kindheit war die Insel ein Ort voller Bauernhöfe und unbefestigter Straßen. Die Menschen lebten in roh verputzten Bungalows, Wohnwagen, sogar Eisenbahnwaggons. Nach Westen hin waren die ebenen Äcker von Ölförderanlagen begrenzt. Ich kann mich noch an das ständige Pochen der Pfahlrammen erinnern, auch an die Schornsteine und Türme, die in den westlichen Horizont wuchsen, als die Shell-Haven- Ölraffinerie gebaut wurde, gleich hinter dem kleinen Fluss. Meine Mutter erzählte mir damals, der große Turm hießeCat Cracker, also Katzenzermalmer – und das war schon ein starkes Stück für einen kleinen Jungen.
Die Raffinerie schaute meine gesamte Kindheit lang auf mich herab. Nachts das Schimmern der elektrischen Lichter und großen Flammen, die aus den Schornsteinen leckten. War der Himmel zugezogen, spiegelten die Flammen sich in den Wolken wider und warfen ein flackerndes, Milton’sches Licht auf die Insel, als wäre sie ein entlegener Vorort des Hades. Im Tageslicht aber sahen die Türme in der Ferne blau und ätherisch aus, eine Traumstadt außer Reichweite.
Im Februar 1953 – ich war gerade fünf Jahre alt und in die Schule gekommen – zerstörte eine desaströse Flut Canvey Island. Hohe Springfluten und Sturmwinde erzeugten eine große Welle, die über Ostengland und die Themsemündung hinwegfegte, wo sie auch Canvey Island traf. Inmitten einer frostigen Nacht brach ein Teil der dreihundert Jahre alten Ufermauer ein, und das Meer bahnte sich seinen Weg in die Bungalows und Wohnwagen, bis zu ihren schlafenden Bewohnern. Sechsundfünfzig Menschen verloren ihr Leben.
Da mein Vater als Gasinstallateur auf Abruf arbeitete, hatten wir dieses seltene Gerät: ein Telefon – Canvey 113, Apparat 9 –, verbunden mit der Schaltzentrale der Gasfirma. Deshalb wurden wir vorgewarnt und konnten unsere Flucht vorbereiten. Ich erinnere mich, wie ich am frühen Morgen in Erwartung der Evakuierung aus dem hinteren Küchenfenster sah. Wo sich vorher flache Felder bis zu den Öltanks ausgedehnt hatten, befand sich plötzlich das Meer. Graues Wasser und Wellen, die an unsere Tür schlugen. Unser Haus stand im Meer. Ich verstand vollkommen, was geschehen war, und dennoch faszinierte mich dieser surreale Anblick: böige See statt grüner Felder. (Es hat unser Haus total zerstört. Flutwasser ist nicht einfach nur Wasser, sondern Schlamm. Und Gipskarton und Porenbeton sind nicht wasserdicht.)
Die Insel wurde komplett geräumt – nur die Armee und unersetzliche Arbeiter durften bleiben. Mein Vater wurde gebraucht, um die Gasleitungen instand zu halten. Also blieb er zurück, in tiefem frostigem Wasser watend, um Wartungsarbeiten zu verrichten. Das ruinierte seine Gesundheit. Von da an kämpfte er mit Beschwerden in der Brust, Bronchitis, Pneumonie, Asthma, so ziemlich allem außer Krebs. Und Herbst für Herbst wurde es schlimmer. Zu dieser Jahreszeit war Canvey meist in Dunst und Nebel gehüllt, schön und mysteriös, allerdings nichts für geschädigte Lungen. Er konnte nicht atmen. Schließlich musste er