: Tim Mohr
: Stirb nicht im Warteraum der Zukunft Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer
: Heyne Verlag
: 9783641212384
: 1
: CHF 16.10
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 560
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Punk begann in Ostdeutschland mit einer Handvoll Jugendlicher in den späten Siebzigerjahren. Inspiriert von geschmuggelten Musikmagazinen und gelegentlichen Bildern aus dem Westfernsehen, schnitten sie sich Löcher in die Jeans und steckten sich Sicherheitsnadeln durch die Ohrlöcher. Es war klar, dass sie damit den staatlichen Behörden auffielen. Harte Repressionen waren die Folge, viele Geschichten sind noch immer unbekannt. Tim Mohr hat ein bis heute kaum bekanntes Kapitel deutscher Geschichte durchleuchtet und ein eindringliches Bild einer vergangenen Zeit gezeichnet.

Tim Mohr ist ein amerikanischer Autor, Journalist und Übersetzer. In den 1990er-Jahren lebte er in Berlin als Club-DJ, bevor er nach New York zog und für den Playboy arbeitete. Dort war er unter anderem für Hunter S. Thompson zuständig, mit der er bis zu dessen Tod an dem Buch »Ancient Gonzo Wisdom« arbeitete. Seine journalistischen Artikel erschienen bis dato u. a. in der New York Times, dem New York Magazine, Time Out oder der Huffington Post.

Zu seinen Übersetzungen aus dem Deutschen ins Amerikanische zählen Wolfgang Herrndorfs »Tschick«, Charlotte Roches »Feuchtgebiete«, vier Romane von Alina Bronsky und Dorothea Dieckmanns »Guantanamo«, die mehrfach ausgezeichnet wurden.

Als Ghostwriter hat Timk Mohr die Memoiren »It’s So Easy« von Duff McKagan (Guns N’ Roses), »The Last Holiday« von Gil Scott-Heron und »Face the Music« von Paul Stanley (Kiss) verfasst. Augenblicklich arbeitet er an der Lebensgeschichte von Joe Walsh von den Eagles.

Vorwort

Künstler und Musiker strömen nach Berlin, Bürgerrechtler und Whistleblower aus allen Ländern suchen hier Asyl, zehntausende Feierwillige fallen jedes Wochenende in die Stadt ein. Die Partys dauern bis in die frühen Morgenstunden, oft noch viel länger, bald wird es wieder Nacht, und die Leute tanzen einfach weiter.Wir tanzen weiter. Immer weiter und weiter.

Das Clubleben ist das Highlight von Berlin. Aber es ist auch ein Fenster zur Seele der Stadt.

Ein für die heutige Clubszene typischer Laden ist das About Blank. Er liegt an einer von mickrigen Bäumen und Wellblechzäunen gesäumten Straße, ein Stück Niemandsland, umgeben von Bahngleisen, Baustellen und einem Billigsupermarkt. Von außen ist es ein hässlicher, zweigeschossiger Betonklotz mit zwei von Graffitis übersäten Türen. Drinnen zahlt man ein paar Euro Eintritt und durchquert eine kahle Eingangshalle mit rohem Betonboden, unverputzten Wänden. Keine Absperrkordel, kein VIP-Bereich, kein Dresscode, keine Werbung, keinScheiß. Coolness kann man in Berlin nicht kaufen. Ein paar Schritte weiter taucht man in eine andere Welt ein – Trockeneisnebel und Zigarettenrauch, so dicht und desorientierend, dass man meint, in der Luft zu schwimmen oder zu schweben, alles wirkt plötzlich langsamer, in nebliger Entfernung nur blaue Schatten und wabernde Schleier, jedes Gefühl von Zeit und Raum verfliegt. Da ist nur noch der wummernde Bass, der das Herz zusammenzieht und einen buchstäblich vom Boden abheben lässt. An einem der DJ-Pulte legt eine Frau in dunklen Shorts und T-Shirt Platten mit dem hartenBoom-tick-boom-tick des ureigenen Sounds der Stadt auf: Minimal Techno, eine schnörkellose Unterart der elektronischen Musik, die perfekt zur Umgebung passt. Vielleicht ficken welche in der Ecke. Vielleicht auch nicht. Das schert niemanden.Sexual Politics sind hier kein Thema, auf der Tanzfläche werden die Leute – schwul, hetero, bi, Frauen, Männer, Transgender – sowieso eins, wenn sie die in Schweiß, Rauch und Euphorie gebadeten Körper aneinanderreiben.

Hinter der Tür am anderen Ende liegt ein verwilderter, sandiger Garten, stockdunkel bis auf ein paar winzige rote Lichter und unregelmäßig angestrahlte Discokugeln, die von den Zweigen der Bäume hängen. Ist es draußen kalt, brennt in alten Öltonnen ein Feuer, das die Leute mit Holz füttern. An einer Stelle ist ein rostiger Wohnwagen aufgebockt, drinnen ein paar Leute. Zwischen den Bäumen stehen ein großes, überdachtes Bett und zerschlissene Plastiksofas rum. Überall tanzen, trinken, reden Leute, andere sitzen nur da oder starren ins Feuer, während sich der dunkle Himmel mit dem ersten Hauch des Sonnenaufgangs aufzuhellen beginnt. Der Ort stellt keine Forderungen an seine Besucher, nichts wirkt erzwungen. About Blank ist eine Insel des Friedens, wo jeder auf seine Weise Spaß haben kann.

Ein cooler Ort.

Ein einzigartiger Ort.

Genau wie Berlin.

Nur, warum?

Wer zum ersten Mal in Berlin ist, nimmt die Einzigartigkeit der Stadt sofort wahr. Was es genau ist, lässt sich nicht so leicht greifen. About Blank bietet einen Ansatzpunkt – das, was den Club so besonders macht, erklärt vielleicht auch das spezielle Etwas, das die Besucher in ganz Berlin zu spüren glauben. Gegründet wurde der Club von einem zwölfköpfigen Kollektiv mit zahlreichen Verbindungen zu den besetzten Häusern im Ostteil der Stadt, insbesondere zur Köpenicker Straße 137, wo noch heute einige Ost-Berliner Ur-Punks leben. Das überwiegend aus feministischen Punkerinnen bestehende Kollektiv steckte im Jahr 2009 erst den politischen Rahmen des Projekts ab, dann wurde der gegenständliche Raum dafür entdeckt. In dem Gebäude war ursprünglich ein Kindergarten für die Angestellten der DDR-Reichsbahn untergebracht – daher der