KAPITEL 1
2016
Stella breitete die Zutaten für die Spaghetti bolognese auf der hölzernen Arbeitsplatte ihrer im Stil der Arts-and-Crafts-Bewegung gestalteten Küche aus: Rinderhack, Zwiebeln, Knoblauch, Dosentomaten, Tomatenmark, Salz, Pfeffer, getrockneter Oregano und Basilikum. Dazu kamen noch ihre geheimen Ingredienzien: Rotwein und eine Parmesanrinde, die laut Aussage eines Fernsehkochs das Gericht verwandeln würde, was tatsächlich stimmte. Stella fragte sich, wie oft sie wohl schon Spaghetti bolognese gekocht hatte. Prufrock von T. S. Eliot mochte sein Leben in Kaffeelöffeln bemessen haben, doch Stellas teilte sich eindeutig in Töpfe mit Spaghetti bolognese auf.
Es war zwar ein einfaches Gericht, eignete sich aber ausgezeichnet für einen Tag, an dem ihre Tochter Emma mit Schwiegersohn Stuart und den geliebten Enkelkindern plus ihrem überkorrekten Mann Matthew und dazu noch ihre unzuverlässige beste Freundin Suze zu unterschiedlichen Zeiten aufkreuzen würden.
Außerdem hatte sie heute Nachmittag einen Termin mit einem ganz besonders mäkeligen Hundebesitzer. Stellas Karriere als Tiermalerin florierte zu ihrer großen Überraschung, seit es soziale Medien gab. Alles hatte damit angefangen, dass sie zu dem Schluss gekommen war, ein Blog könne gut fürs Geschäft sein. Also hatte sie einen mit einem niedlichen Jack Russell namens Frank angefangen, den sie vor einigen Jahren porträtiert hatte. Nach und nach hatte sie Bilder von Franks vierbeinigen Freunden hinzugefügt, und so war die ganze Sache ins Rollen gekommen.
Und sie musste zugeben, dass das Resultat ausgesprochen zufriedenstellend war: eine ganze Reihe von Haustieren, die gemalt werden sollten. Natürlich war es schwierig, sie so reizend darzustellen wie Frank. Doch wie jeder erfolgreiche Porträtmaler wusste, war ein wenig Schmeichelei stets angebracht, ganz gleich ob es um Menschen, Haustiere und vermutlich auch um Marsmännchen ging. Selbst wenn man es damit wohl nie in die National Portrait Gallery schaffen würde, konnte man doch ganz ordentlich daran verdienen. Außerdem war es Stella, seit Matthew nicht mehr arbeitete, immer wichtiger geworden, aus dem Haus zu kommen. Darüber dachte sie lieber nicht zu gründlich nach, insbesondere deshalb, weil die Statistiken zum Thema »gestiegene Lebenserwartung« ihnen mögliche weitere dreißig gemeinsame Jahre verhießen.
Bei dieser Vorstellung wären Stella beinahe die Zwiebeln angebrannt. Sie wurde von Suzes Ankunft gerettet, der Freundin, die ihr seit der Kindheit und während des Kunststudiums treu geblieben war. Sie hatte einen Käsekuchen von Marks and Spencer mitgebracht. Wie immer bot Suze ein farbenfrohes Bild, ein wenig wie Vivienne Westwood mit einem Hauch von Grayson Perry. Auch in ihrem Alter liebte sie es, Secondhandläden nach Samtvorhängen und Überresten von Lampenschirmen aus Brokat zu durchkämmen, die sie dann erstaunlich geschickt auf ihrer betagten Singer-Nähmaschine zu beeindruckenden Gewändern verarbeitete.
»Der kommt gerade aus der Gefriere und muss auftauen«, verkündete Suze. »Deshalb bin ich jetzt schon da. Es stört dich doch nicht, oder? Wenn ich nicht so damit beschäftigt wäre, mir die Wiederholungen vonThe Wire anzusehen, hätte ich einen fettfreien Schokokuchen mit einer Füllung aus Pariser Creme zaubern können, aber wie du ja weißt, habe ich mit meiner hausfraulichen Phase abgeschlossen.«
Stella verkniff sich die Frage, wann das bei ihrer Freundin je anders gewesen wäre, und nahm den Kuchen dankbar entgegen. »Ma