2.
Anne und die Nacht am Strand
Als ich kurze Zeit später (inzwischen im Dunklen) die Straße zum Haus meiner Eltern entlangfahre, bekomme ich es plötzlich mit der Angst zu tun. Was soll ich meiner Mutter sagen? Was meinem Vater? Dass ich heimlich, ohne ihnen im Vorfeld auch nur ein Wort zu sagen, den falschen Mann geheiratet habe? Dass er sich schon jetzt, als die Unterschrift unter der Trauungsurkunde noch frisch geglänzt hat, als riesiger Schwindler entpuppt hat? Oder soll ich das ganze Drama vielleicht kompakt zusammenfassen und einfach nur sagen, dass ich mein Leben so richtig versaut habe? Dass ich mich von einem gut aussehenden Italiener in einen Zustand habe quatschen lassen, der mich anscheinend nicht nur denkunfähig gemacht, sondern sogar dazu geführt hat, dass ich nun ohne Wohnung, ohne meine Habseligkeiten und dafür verheiratet mit einem Blender und Lügner dastehe. Meine Eltern würden an ihrer Erziehung zweifeln und glauben, dass ich jetzt völlig durchgedreht sei. Meine Mutter würde wahrscheinlich die Hände gen Himmel strecken und sich fragen, warum ihre jüngste Tochter immer so ein Drama veranstalten muss, und mein Vater würde mich grummelnd fragen: »Mensch, wie konntest du nur so naiv sein?« Dann würde meine Mutter ihm beipflichten und mit erhobenem Zeigefinger erklären: »Ich hatte bei dem Fabio nie ein gutes Gefühl. Der ist ein Schnacker, das habe ich von Anfang an zu deinem Vater gesagt, nicht wahr, Klaus?« Und Klaus würde nicken, und dann würde Sabine (meine Mutter) ihn über meinen Kopf hinweg fragen, wie es nun weitergehen soll mit mir. Aber bevor mein Vater zu einer Antwort käme, würde meine Mutter schon weiterreden: »Du kommst einfach wieder nach Hause, mein Kind« – das würde sie einfach so beschließen. Und es würde wie eine Drohung klingen.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe meine Eltern. Wirklich. Aber mit vierunddreißig Jahren, als verheiratete, gleich wieder getrennte Frau noch einmal bei den eigenen Eltern einzuziehen klingt wie der Plot zu einem Horrorfilm.
Mit jedem Meter, den ich näher komme an das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, wird mir mulmiger zumute. In meinem Bauch zwickt und grummelt es. Das Gefühl erinnert mich an die berühmten Schmetterlinge im Bauch, nur weniger schön und romantisch. Motten im Bauch vielleicht. Oder Käfer. Fiese Käfer mit langen schwarzen, haarigen Beinen. In jedem Fall keine niedlichen Glücks-Marienkäfer.
Ich fahre an die Auffahrt heran und sehe, dass davor, unter einer der hohen Kastanien, schon ein silberner Mercedes geparkt hat. Oh Gott, fährt es mir durch den Kopf, bitte nicht! Das ertrage ich jetzt nicht auch noch! Eine A-Klasse, das spießigste aller Autos – das habe ich bei meinerPR-Arbeit für einen großen Autohersteller gelernt – steht vor der Garage und guckt meinen roten Mini verächtlich an. Ich trete so panisch auf die Bremse, als sei mir ein Einhorn vor das Auto gelaufen, und stoppe mitten auf der Straße. Nein, das kann doch wohl jetzt nicht wahr sein! Die Besitzerin dieser A-Klasse nämlich steht ihrem Wagen, was die Spießigkeit betrifft, in nichts nach. Sie ist der Inbegriff des Moralapostels und sitzt auf einem ach so hohen Ross,