: Neil Strauss
: Die nackte Wahrheit Von der erregenden Kunst, treu zu sein
: Heyne Verlag
: 9783641207366
: 1
: CHF 12.60
:
: Partnerschaft, Sexualität
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Neil Strauss ist Schriftsteller und Journalist. Und sexsüchtig. Auf seine smarte, direkte Art geht er den Themen nach, die Frau und Mann wirklich bewegen: Liebe, Sex, Partnerschaft. Sein Weg führt ihn von viagragetriebenen Orgien über hochseriöse wissenschaftliche Testserien bis in einen modernen Harem. Dabei bleibt Strauss immer schonungslos ehrlich. Jeder von uns hat seine eigene nackte Wahrheit – und falls nicht, werden Sie beim Lesen trotzdem eine verdammt gute Zeit haben …

Neil Strauss schreibt als Journalist für die New York Times und den Rolling Stone. Er war Co-Autor der beiden New York Times-Bestseller-Autobiograph en »The Dirt« von Mötley Crüe und »The Long Hard Road Out of Hell« von Marilyn Manson. Aufsehen erregte Strauss mit seinem vieldiskutierten Sachbuch-Bestseller »Die perfekte Masche«, dem Vorläufer von »Die nackte Wahrheit«.

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Auf dem Gangplatz gegenüber im Flugzeug sitzt eine schlanke Schwarzhaarige. Ungefähr zwischen siebzehn und dreiundzwanzig Jahre alt, mit dem gewissen Etwas: dunkler Eyeliner, falsche Wimpern, ein kleines, rundes Tattoo über dem Steiß, rosa Kopfhörer und das Dauerschmollen eines Mädchens, das sauer auf seinen Dad ist, aber sofort mit jedem rücksichtslosen Arschloch ins Bett geht, das es an ihn erinnert.

Neben mir, eine mittelalte Frau mit riesiger Fake-Designer-Sonnenbrille und einem Sommerkleid, das ein milchweißes Dekolleté offenbart. Eine zwanzigminütige Unterhaltung und eine geschickt drapierte Airline-Decke später könnte dort schon meine Hand liegen.

Vor mir eine magere, ziemlich abgefuckte Rothaarige. Wahrscheinlich Alkoholikerin.

Nicht wirklich meine Baustelle, aber von der Bettkante würde ich sie auch nicht stoßen.

In meinem Kopf ist eine Karte. Darauf markieren LEDs die Positionen aller halbwegs ansehnlichen oder auch nur im Mindesten sexuell interessanten Frauen um mich herum. Noch ehe das Flugzeug auf Reiseflughöhe ist, habe ich mir für jede einzelne ausgedacht, wie ich sie ansprechen könnte, mir vorgestellt, wie sie nackt aussieht und wie sie bläst, und sie in Gedanken entweder gleich auf der Bordtoilette oder später im Mietwagen oder im Hotelzimmer gefickt.

Das ist es also: das letzte Mal, dass ich so geil sein, dass ich auch nur mit dem Gedanken spielen darf, mit einer neuen Frau zu schlafen. Und mein Hirn spielt verrückt. Ich stehe auf alle und jede. Nicht, dass das je anders gewesen wäre, doch diesmal schmerzt es irgendwo tief in mir – im Kern meines Wesens, meines Selbst, meines Lebenssinns.

Ich reise mit leichtem Gepäck – ohne Computer, ohne Handy, überhaupt ohne technische Geräte. Wo ich hingehe, ist das alles nicht erlaubt. Mit meinen Gedanken so allein zu sein hat etwas Befreiendes – auch wenn sich die meisten dieser Gedanken darum drehen, ob ich eher die potenziell Minderjährige rechts von mir oder den pockennarbigen Rotschopf vor mir ansprechen soll.

Als das Flugzeug das Gate erreicht, steht ein Mann mit Brille auf und drängt sich zum Gang durch. Dabei mustert er die Schwarzhaarige eingehend von Kopf bis Fuß. Angraben wird er sie nicht; dafür hat er schon zu lang geglotzt. Er prägt sich das Bild ein, speichert es ab. Für später, wenn er es brauchen wird.

Ich frage mich, warum ich mir das überhaupt antue. Männer sind eben so. Der Typ da ist vermutlich noch viel schlimmer als ich.

Auf dem Weg durchs Terminal ziehe ich einen Zettel aus der Tasche: »Ihr Fahrer holt Sie am Gate ab. Er trägt ein Schild mit dem Buchstaben D, damit man nicht sieht, wohin Sie