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Venedig, Italien
Montag, 10. November
22:40 Uhr
Cotton Malone warf sich zu Boden, als gleich mehrere Kugeln in die Glasscheibe einschlugen. Zum Glück zerbrach die transparente Trennwand zwischen den Räumen nicht. Er riskierte einen Blick in den großen Sekretariatsbereich und erblickte im Halbdunkel Lichtblitze, die aus der Mündung einer Maschinenpistole kamen. Die Glasscheibe zwischen ihm und dem Angreifer war offensichtlich besonders widerstandfähig, und er dankte seinem Glück stumm für diese vorausschauende Bauweise.
Viele Optionen hatte er nicht.
Er wusste wenig über die Räumlichkeiten im siebten Geschoss des Gebäudes – schließlich war er zum ersten Mal hier. Er war gekommen, um heimlich eine bedeutende finanzielle Transaktion mitzuverfolgen – 20 MillionenUS-Dollar, die in zwei große Säcke mit dem Bestimmungsland Nordkorea gestopft wurden. Doch stattdessen hatte sich die Übergabe in ein Blutbad verwandelt. Vier Männer lagen tot in einem der Nachbarbüros, und ihr Mörder – ein als Sicherheitsmann verkleideter Asiate mit kurzem, dunklem Haar – hatte nun ihn selbst aufs Korn genommen.
Malone musste in Deckung gehen.
Wenigstens war er bewaffnet – er hatte die Beretta aus seiner Zeit beim Magellan Billet und zwei zusätzliche, geladene Magazine dabei. Die Genehmigung, bewaffnet zu reisen, hatte er der Tatsache zu verdanken, dass er nun wieder einen Mitarbeiterausweis desUS-Justizministeriums bei sich führte. Er hatte den Auftrag angenommen, um Kopenhagen einmal den Rücken zu kehren und sich etwas Geld hinzuzuverdienen, da das Spionieren heutzutage gut bezahlt wurde.
Denk nach.
Der andere war besser bewaffnet, aber nicht intelligenter.
Kontrolliere deine Umgebung und kontrolliere das Ergebnis.
Gerade als eine weitere Salve nun schließlich doch die gläserne Trennwand zerschmetterte, warf er sich über den genarbten Terrazzoboden nach links in den Korridor. Er kam an einer Nische mit Toilettentüren vorbei und rannte weiter. Ein Stück weiter vorn im Korridor stand ein einsamer Putzwagen. Durch eine mit einem Keil geöffnete Tür zu einem Büro entdeckte er eine Frau im Kittel einer Reinigungsfirma, die in dem dunklen Raum kauerte.
»Kriechen Sie unter den Schreibtisch und verhalten Sie sich still«, flüsterte er auf Italienisch.
Sie tat wie geheißen.
Diese Zivilistin war ein Problem, er wollte sie nicht gefährden.Kollateralschaden hieß so etwas in den Berichten des Magellan Billet. Er hasste diese Bezeichnung. Denn tatsächlich handelte es sich um jemandes Vater, Mutter, Bruder oder Schwester.