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Die Sonne hievte sich über den Horizont und schien nieder auf ein Junktown, das den Morgen so teilnahmslos über sich ergehen ließ wie eine Cracknutte den letzten Freier nach einer viel zu geschäftigen Nacht. Dunkel ging über in Hell, ohne dass sich die Leblosigkeit der einen Tageshälfte von jener der anderen unterschieden hätte. In der Nördlichen Industriebrache bretterte Solomon Cain auf seinem Adrenalinchopper durch eines der vielen Gewerbegebiete der Stadt, die bereits vor Jahren den Tod konjunktureller Unterkühlung gestorben waren und nun tagein, tagaus unter einem gleichmütigen Himmel vor sich hinrotteten. Von Sandstürmen angenagte Schlote reckten sich windschief ins fahle Firmament, die rotbraun oxidierten Tanks und Förderbänder zu ihren Füßen wirkten wie ein Stillleben, das ein manisch-depressiver Künstler arrangiert hatte. Ein gutes Dutzend Morphin-Silos lag, zusammengebrochen unter der Wucht der Jahre, wirr durcheinandergetürmt wie gigantische Kegel, die niemand mehr aufstellen würde, und über einer zerplatzten Bitumenauffahrt schwappte an quietschenden Ketten ein ausgeblichenesKRAFT DURCH KONSUM-Banner in der Morgenbrise hin und her.
Cain war froh, das Elend nur undeutlich wahrzunehmen.
Die drei Zäpfchen, die er sich vor Dienstantritt in den Mastdarm geschoben hatte, fingen an, ihre Wirkung zu tun: 900 Milligramm Tramadol schwemmten seine Blutgefäße. An den Rändern zerlief seine Sicht wie die Farben auf der Palette eines Malers, und ermusste die Augen zusammenkneifen, um mit seinem schummrigen Tunnelblick die Schlaglöcher rechtzeitig zu erkennen. So konnte er sich wenigstens auf die Stöße vorbereiten, denn an Ausweichen war nicht zu denken: Cain wusste aus leidvoller Erfahrung, dass er unter Tramadoleinfluss seiner Auge-Hand-Koordination so viel Vertrauen schenken sollte wie einem verschuldeten Meth-Dealer. Wenn er erst mal damit anfing, um die Schlaglöcher herumzulenken, würde seine Fahrt sehr schnell in einer der Fabrikmauern enden, von denen er wusste, dass sie sich hinter den graubraunen Schlieren zur Linken und Rechten seines Blickfelds verbargen.
Aus dem Limbus seiner Wahrnehmung erschien ein weiteres Schlagloch, raste ihm entgegen, eine Monstrosität des Asphalts, deren unheilvolle Annäherung er ebenso schicksalsergeben wie angespannt zur Kenntnis nahm. Das Weiß seiner Knöchel wurde noch ein bisschen weißer, als er den Griff um den Lenker verstärkte. Der dunkel gähnende Schlund kam näher, kam näher und –Ka-zang! – war er hindurch und darüber hinweg.
Schweiß legte sich wie ein eiskalter Quecksilberpanzer um seine Schultern, rann das Rückgrat hinab, durchnässte seine Dederon-Unterhose und versickerte zwischen seinen Arschbacken. Abwärtsspirale, dachte er, das Leben ist eine beschissene Abwärtsspirale. Hätte er sich nicht die Zäpfchen reingedrückt, hätte er den Schlaglöchern ausweichen können, würde sein Steiß nicht schmerzen, würde sein Schließmuskel nicht im körpereigenen Kondenswasser schwimmen. Hätte, hätte, würde, würde – die Poesie der Fatalisten, dachte Cain, und er war einer ihrer Meister, ein ganz Großer, ein lamentierender Dichterfürst mit einer nassen Rosette.