1.
Sie hockten allezusammen in dem dunklen Zimmer. Es war der letzte Abend im November, und auch heute fuhr der Interregio aus Piana Aquilana – Ankunft 19.45 Uhr – wieder pünktlich auf die Minute in den Bahnhof von Miniera di Mare ein.
Bewegungslos horchten sie auf das Schnaufen der Lokomotive und das metallische Kreischen der Bremsen, die in die Stille des Raums eindrangen. Auch als die Holzbohlen des Fußbodens unter dem Druck der sich festfressenden Bremsen und dem kraftvollen letzten Schnaufer der Maschine erzitterten, verharrten sie unerschütterlich auf ihren Plätzen. Dann war es wieder still.
Später würde sich die Tür der kleinen Wohnung öffnen, und der Mann aus dem Zug würde heimkommen.
Wie jeden Abend.
Die Fahrgäste waren schon dabei auszusteigen. Michele stand auf dem Bahnsteig und sah ihnen nach, wie sie sich in Richtung Ausgang entfernten, um nach Hause zu gehen oder wohin auch immer. Die erwartungsvollen Mienen der Reisenden waren ihm nur zu vertraut, die Art, wie sie sich umsahen, als würden sie zum ersten Mal in die Freiheit hinaustreten, als wäre die allabendliche Heimkehr eine immer wieder neue Erfahrung, ein unerwartetes Wunder.
Auf dem Weg zum letzten Waggon fiel sein Blick auf sein Spiegelbild in einem der Zugfenster. Er blieb stehen, um sein Gesicht zu betrachten: das Gesicht eines jungen Mannes von dreißig Jahren, umrahmt von kastanienbraunem Haar, das an den Schläfen allmählich dünner zu werden begann, und mit Augen, schwarz wie Ölpfützen. Wie immer trug er seine Eisenbahnerjacke, die ihm um die Hüften herum etwas weit zu werden begann.
»Michele …«
Hastig wandte er sich der wohlbekannten Stimme zu. Sie gehörte dem Kontrolleur, der zusammen mit dem alten Lokführer auf ihn zukam.
»Sag mal, du würdest mir nicht zufällig deinen überfälligen Urlaub vermachen? Ich habe gehört, du hast noch viel zu viele Tage übrig. Dann hätte wenigstens einer was davon. Was meinst du?« Im Gesicht des Kontrolleurs prangte ein ironisches, fast schon unverschämtes Grinsen.
Michele nickte kaum merklich und gab ein befangenes Lächeln zurück.
»Was würdest du auch damit anstellen? Du bist doch sowieso immer hier …«, fügte der Lokführer hinzu.
»Er hortet freie Zeit, weißt du das nicht? … Er ist ein Sammler nicht genommener Urlaubstage.«
»Ist ja offensichtlich, dass der Junge nicht gerade ein Genießer ist …«
Hässlich lachend entfernten sich die beiden Richtung Ausgang. Die Bahnstation blieb verlassen zurück.
Michele atmete erleichtert auf: Endlich gehörte der Zug nur ihm allein. Wie jeden Abend. Bis zum nächsten Morgen.
Er öffnete die Tür des letzten Waggons und trat ein. Vor ihm lag eine lange Flucht, die er auch heute wieder abzugehen hatte. Er atmete ein und setzte sich in Bewegung, um seinen abendlichen Kontrollgang zu beginnen, der ihn ans andere Ende des Zugs bis hin zur Lokomotive führen würde.
Wie immer drang ihm gleich zu Anfang der vertraute Geruch nach Metall und dem Ku