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Vom Geschmack auf der Zungeprickelnder Brausewürfel
So gut, wie sie in alten Fotoalben erscheinen, waren gute alte Zeiten nie. Nur die privaten Rückblicke verklären jene realen Jahre. Auftauchend aus persönlichen Erinnerungen schweben im Frühling, VivaldisPrimavera summend oder brummend, Bienen und Maikäfer über Blumenwiesen, sind durchweg alle Sommer barfüßig, liegt im Winter stets reichlich Schnee für Schlittenfahrten und Schneeballschlachten. Einzig der Herbst fällt aus dem Bilder-Rahmen, wirkt verschleiert, abweisend, fast morbide. Doch selbst in den tatsächlich graustichigen Monaten gab es immer wieder Tage, an denen sich tief hängende Nebel den letzten Sonnenstrahlen ergeben mussten und noch einmal ein goldener Oktober aufblühte.
Die qua Amt und Alter hauptsächlich unsere Kindheit bestimmenden Figuren waren im Blick zurück stets edel, hilfreich und gut: Eltern liebevoll behütend, Lehrer gütig gerecht, Pfarrer die Hand an ihre Chorknaben nur gnädig segnend anlegend. Insbesondere Großmütter und Großväter vermittelten Geborgenheit. Sie besangen die draußen beim Spielen erlittenen kleinen Wunden und Schürfungen mit einem Lied, das ihnen schon in ihrer eigenen Kindheit einst ihre Großeltern tröstend vorgesungen hatten: »Heile, heile Gänschen, es ist bald wieder gut. Das Kätzchen hat ein Schwänzchen, es ist bald wieder gut. Heile, heile Mäusespeck, in hundert Jahren ist alles weg.« Von einem singenden Dachdecker aus Mainz wurde es mal zu einer Karnevalshymne verschunkelt.
Sie lasen Grimms Märchen vor, wenn ihre Enkel fiebernd im Krankenbett lagen, schmuggelten heimlich, sobald wir lesen konnten, von unseren Eltern untersagtePrinz-Eisenherz- undMickymaus-Hefte ins Haus. SelbstDigital Kids von heute hören gebannt zu, wenn ihnen von Prinzen und Prinzessinnen, Riesen und Zwergen analog erzählt wird, fragen kindlich neugierig, bevor sie endgültig das Licht löscht: »Oma, hast du die Dinosaurier noch erlebt?« Ihre Vorstellungen von Vergangenheit sind zeitlos. In denen sind Oma und Opa und Ritter und Drachen alle etwa gleich alt, es gibt keinen Anfang und kein Ende.
Auf der Wiese hinter dem Haus spielten wir später Fußball. Falls nur zwei aufliefen, weil alle anderen wieder mal wegen des ihnen verpassten Hausarrests fehlten, ersetzten Murmeln das Ballspiel. Sie ruhten an spielfreien Tagen in kleinen Leinenbeuteln. Spieler erkannten sich gegenseitig an stark verdreckten Zeigefingern. In Bäumen bauten wir aus geklauten Brettern Beobachtungsposten. Gleichaltrige aus dem Nachbardorf waren natürliche Feinde. Die griffen hinterlistig unvermittelt an. Deshalb saßen unsere Wachen im Baum.
Die Wirklichkeit hat im Rückblick keine Chance gegen Erinnerungen, die in verklärend heiterem Licht erscheinen. Tatsächlich aber war die Realität eine oft andere als jene, die uns auf den Fotos vorgegaukelt wird. Da regnete es mitunter auch damals schon im Sommer so heftig, dass Bienen ertranken und Enten auf überschwemmten Wiesen schwammen; krachten im Winter verwegene Rodler auf vereisten Pisten gegen Bäume; brachen zart gebaute Ballerinen beim Schlittschuhlaufen ins Eis ein; wurden im Frühlingserwachen die Maikäfer von Hühnern und Krähen bei lebendigem Leib verspeist; hatte der Herbst vor allem Husten, Schnupfen, Heiserkeit im Repertoire. Und unabhängig vom Wetter ließen in allen vier Jahreszeiten zu viele Gottesdiener die Kindlein zu sich kommen, setzten zu viele Eltern und Lehrer streng und auch mit Gewalt die Einhaltung der Sekundärtugenden Gehorsam, Ordnung, Pünktlichkeit durch.
Als wir kurzen Hosen und Kniestrümpfen entwachsen waren, halfen gegen diese bedrückende deutsche Dreifaltigkeit der Autoritäten sorgfältig ausgedachte Strategien bei Expeditionen in verlockend unbekannte Welten. Mädchen waren plötzlich nicht mehr blöd und nervig, sondern fremde Wesen. Es begann die Erforschung der Fremde. Aus pubertärer Notlage geborene Notlügen wirkten befreiend. Die Ehrlichen wuchsen ungeküsst auf, weil sie sich dem Wertekanon der Eltern unterordneten. Sich einengenden Regeln widerspruchslos zu fügen beruhte aber nicht etwa nur auf der Einsicht, altersbedingt wehr- und rechtlos zu sein.