Eine Abifeier – Blick zurück in Zorn oder Dankbarkeit?
Die Hitze staut sich in der großen Turnhalle, in der an diesem Abend nichts an ausfahrbare Reckstangen und wuchtige Medizinbälle erinnert. Rund 800 zumeist festlich gekleidete Menschen haben sich an die liebevoll dekorierten Biertische verteilt und freuen sich nach der verspäteten Vorspeise auf den nächsten Gang. Sieht man sich die Tischgruppen genauer an, so entdeckt man dort viele bekannte Gesichter – jung und strahlend, umgeben von stolzen Eltern, Geschwistern, Verwandten und Freunden. Hier und da winkt einem ein gut gelaunter Vater zu, nickt eine Mutter höflich in Richtung der beiden Lehrertische, wo auch ich sitze.
Direkt vor mir ist die mit allen technischen Raffinessen ausgestattete Bühne. Im Moment gehört sie dem Moderatorenduo Selina und Hendrik, die in dieser Turnhalle noch vor knapp zwei Monaten bibbernd ihrem schriftlichen Abitur entgegensahen. Doch vom Prüfungsstress ist nun nichts mehr zu erkennen. Top gestylt, charmant und witzig führen die beiden durch die Abiturfeier, und gerade kündigen sie die Verabschiedung meines Kurses an.
Gott steh mir bei! Die meisten Kurse verabschieden sich von ihren Lehrern in Form eines Sketches, bei dem die Schrullen der Pädagogen aufs Korn genommen werden. Das kann unterhaltsam sein, manchmal aber auch peinlich oder sogar verletzend. Vor zwei Jahren verließ eine schwer gekränkte Kollegin mit Tränen in den Augen umgehend die Veranstaltung. Gespannt beobachte ich also, wie meine 23 Kursteilnehmer im Gänsemarsch die Bühne betreten.
Einige von ihnen kenne ich noch aus ihrer Anfangszeit am Gymnasium: Manuel, dem schon als Zehnjährigem der Schalk im Nacken saß und der auch in den letzten zweiJahren für Spaß im Unterricht sorgte. Jakob, der sich in der sechsten Klasse eine Zeit lang so erfolglos abmühte, dass man Zweifel haben konnte, ob er diesen Tag jemals erleben würde. Anna, die von der ersten Stunde an immensen Ehrgeiz an den Tag legte, der bis zuletzt anhielt und ihr nun ein erstklassiges Abitur beschert hat. Jan, der Deutschamerikaner, der im Unterricht immer zu schlafen schien, aber voll bei der Sache war, sobald einmal nicht-mathematische Themen anstanden.
Hat mein Mathematikunterricht sie bereichert, ihnen etwas fürs Leben gebracht? Den wenigen, die Mathematik, Physik oder ein technisches Fach studieren werden, mit Sicherheit – aber wie steht es um den großen Rest? Wir Mathelehrer betonen gern, dass selbst in Studiengängen wie etwa Psychologie oderBWL, die mit höherer Mathematik nichts am Hut zu haben scheinen, kein Weg um anspruchsvolle Statistikklausuren herumführt. Dennoch bleibt die Frage, ob man von allen Schülern verlangen muss, sich zwei Jahre lang mit hoch abstrakten, vom persönlichen Alltag völlig losgelösten Bereichen der Mathematik zu beschäftigen. Wäre es für die mathematisch weniger Interessierten und Talentierten unter ihnen nicht sinnvoller, verstärkt die Basics zu trainieren, die heute vielen Abiturienten trotz bestandener Prüfung völlig abgehen?
»Herr Ammel,