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Der Neue
Der alte Mann war früher einmal Soldat gewesen, jedenfalls erzählten sich das die Leute, wenn sie glaubten, dass er nicht zuhörte. Falls es stimmte, dann war es ganz bestimmt schon vierzig Jahre her. Tellius mochte früher einmal eine mächtig breite Brust gehabt haben, aber im Laufe der Jahre waren seine Arme so dürr geworden wie Krähenbeine und beinahe genauso schuppig. Doch egal, wie es sich in Wahrheit verhalten mochte, er war streng zu den Jungen, das war bekannt. Wer nicht arbeitete, bekam nichts zu essen. Und wer nichts zu essen bekam, hatte nur noch eine Hoffnung: den großen Ziegelbau der Armenhäusler an der Frith Street. Vielleicht war es einfach nur eine unglückliche Fügung, dass das Waisenhaus der Stadt wie ein großer Bäckereiofen aussah. Es hatte nur wenige Fenster, und es waren keine schönen Geschichten darüber im Umlauf. Keiner der Jungen, die für Tellius auf Diebestour gingen, hätte an diesem Ort saubere Schlafsäle erwartet oder gar gehofft, dort Lesen und Schreiben lernen zu können.
Manchmal wurden kleine Langfinger, die sie kannten, von der Stadtwache geschnappt, von der neuen Truppe, die man die Königstreuen nannte. Vor Gericht verbargen die Jungen ihre Angst so gut wie möglich, wenn sie auf der Sünderbank saßen, so sauber geschrubbt, wie es eben ging, das Haar glänzend und glatt zu einer Seite gekämmt. Sie versprachen den Freunden zurückzukommen, sobald sie entwischen konnten, und zu erzählen, wie es dort gewesen war. Aber keiner von ihnen war je zurückgekehrt oder war überhaupt jemals wieder gesehen worden. Nein, die Jungen stahlen, weil sie sich alle anderen Möglichkeiten, die sich ihnen boten, noch viel finsterer vorstellten. Durch die Stadt ziehen und klauen, das war alles, was der Alte von ihnen verlangte, und wenn sie auch nicht besonders sauber waren, so litten sie doch zumindest keinen Hunger. Sie erzählten sich untereinander außerdem gern die Geschichte, dass ihnen der alte Tellius, sobald sie etwa vierzehn waren, eine Lehrstelle in einer richtigen Schmiede oder bei einem Töpfer besorgen würde. Niemand fragte ihn je, ob das wirklich so war, weil sie viel zu viel Angst hatten, dass es doch nicht stimmte. Solche Aussichten stellte man besser nicht auf den Prüfstein, denn mit ein bisschen guter Pflege konnte ein schöner Traum jahrelang Trost und Hoffnung bieten.
Tellius schlurfte an den dreckigen, stinkenden Jungen vorbei, die sich in einer Reihe aufgestellt hatten. Er trug einen Filzbeutel mit Zugband bei sich, den er ihnen allen hinhielt, und nahm in Augenschein, was sie erbeutet hatten. Dabei klackerte sein Verstand wie die Kugeln eines Abakus, wenn sie ihre karge Beute ablieferten, Münzen, eine Brosche oder eine silberne Anstecknadel. Man sah ihn nie mit einem Kassenbuch oder auch nur einem Stück Papier. Dennoch kam es immer wieder vor, dass er seinen langen Arm ausstreckte und einen Jungen am Kragen packte, weil dessen Hände nicht flink genug waren und er mehr aß, als er einbrachte. Tellius tippte sich dann an die Schläfe, und während der Junge sich in seinem Griff wand, listete er alle Beutestücke auf, die ihm der Betreffende in ihren kleinen Laden getragen hatte, als ob sie auf einem Tisch vor ihm ausgebreitet lagen. Manchmal griff er sogar scheinbar nach einem Stück, das nur in seiner Fantasie existierte, als wollte er es näher betrachten. Anschließend musste sich der gescheiterte Dieb ein oder zwei Tage lang draußen