2. Kapitel
Ausfahrt mit Folgen
Tagebuch der Luise Winter
München, den 2. Dezember 1899
Nach Monaten der tiefsten Trauer habe ich mich dazu entschlossen, ein Tagebuch zu führen. Es mag vielleicht seltsam klingen, aber ich habe schon jetzt das Gefühl, auf diese Weise die Trauer um meine geliebte Mutter besser bewältigen zu können. Seit sie nicht mehr am Leben ist, habe ich das Gefühl, nirgendwo in der Welt mehr richtig verankert zu sein. Sie war meine Sonne und ich ein Trabant, der in festen Bahnen um sie gekreist ist. Jeden Tag und jede Stunde muss ich an sie denken. Sobald ich hinaus auf den Flur unserer Wohnung trete, bilde ich mir ein, ihre warme Stimme zu hören. Mal ist es ein glockenhelles Lachen, mal ein mahnender Ruf, wenn mein Leopold wieder über die Stränge geschlagen hat. Sogar ihren röchelnden Husten vermisse ich. Ich höre nicht auf zu fragen, weshalb Gott so grausam war, sie viel zu früh von uns zu nehmen. Was haben wir ihm getan, dass er uns so bestraft hat?
Seit ihrem Tod ist nichts mehr so, wie es war. Vater vergräbt sich in seine Arbeit in der Bank und tut so, als wäre nichts geschehen. Er geht über ihren Tod schweigend hinweg, als könne er seinen Schmerz damit geringer machen. Dabei spüre ich, dass er genauso leidet wie Leopold und ich. Ist es nicht seltsam, dass jeder von uns seine eigene Art hat, um sie zu trauern? Leopold sucht Vergessen in Vergnügungen, während ich Zerstreuung in meinen Büchern zu finden hoffe. Mein Verstand weiß, dass mein Leben auch ohne sie weitergehen wird, aber meine Seele kann es noch nicht begreifen.
Das ist auch kein Wunder. Schließlich habe ich nun niemanden mehr, der mich richtig versteht. Mutter war die Einzige, die immer begriffen hat, wie wichtig Bücher und Wissen für mich sind. Trotz Vaters Widerstände hat sie meine Wissbegier gefördert und mich oft in Schutz genommen. Literatur, Geschichte, fremde Sprachen waren und sind für mich ein Quell von Inspiration. Sie lassen mich von Dingen träumen, die das wahre Leben mir wohl für immer vorenthalten wird, nur weil ich als Frau geboren wurde. Doch ich will nicht klagen. Dank Mutters Unterstützung konnte ich immerhin die höhere Mädchenschule besuchen und dort einen Abschluss machen. Schade nur, dass mein Wunsch, Lehrerin zu werden, nun nicht mehr erfüllt werden wird. Auch hier habe ich sie als Unterstützerin verloren. Meine Träume zerplatzen gerade wie Seifenblasen, denn Papa tut alles als dumme Flausen ab. Allein das Wort Ausbildung lässt ihn ungehalten und zornig werden. Seine Sorge um mich besteht leider nur darin, möglichst rasch einen passenden Ehemann für mich zu finden. Eine Frau muss in seinen Augen dankbar zurückschauen, gläubig aufwärtsblicken und freudig an der Seite ihres Mannes vorwärtsschreiten… Was ist das für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit!
Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich Leopold beneide. Er hat es als Mann so viel einfacher als ich. Welch ein freies Leben darf er doch führen! Bei ihm lässt Vater die Zügel schleifen, obwohl er doch sehen müsste, dass er sich seit Mutters Tod nur noch bei der Burschenschaft oder in Kneipen herumtreibt. Ich möchte bezweifeln, dass er in den letzten Monaten auch nur eine Vorlesung an der juristischen Fakultät besucht hat.
Natürlich werde ich ihn nicht verraten. Dafür habe ich ihn viel zu lieb. Außerdem is