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Den vier Ländern stand ein Wechsel der Jahreszeiten bevor, als der Spätsommer langsam in den Herbst überging. Vorbei waren die langen, ruhigen Tage der Jahresmitte, an denen brütende Hitze den Gang des Lebens fast zum Stillstand brachte und das Gefühl vorherrschte, für alles ausreichend Zeit zu haben. Zwar hing die Sommerwärme noch in der Luft, doch die Tage wurden allmählich kürzer, die feuchte Luft wurde trockener, und die Erinnerung an die Unmittelbarkeit des Lebens erwachte von neuem. Überall ließen sich Anzeichen des Übergangs erkennen. In den Wäldern von Schattental verfärbte sich das Laub bereits.
Brin Ohmsford blieb vor den Blumenbeeten stehen, die den Weg auf der Vorderseite ihres Hauses begrenzten, und verlor sich sogleich im Anblick des tiefroten alten Ahorns, der den Hof überschattete. Es war ein gewaltiges Exemplar mit knorrigem Stamm. Brin lächelte. An diesem betagten Baum hingen so viele Kindheitserinnerungen. Ohne nachzudenken, ging sie hinüber.
Sie war ein hochgewachsenes Mädchen – größer als ihre Eltern oder ihr Bruder Jair, fast so groß wie Rone Leah –, und obwohl ihr schlanker Körper zart wirkte, war sie so kräftig wie die anderen. Jair würde in diesem Punkt freilich widersprechen, aber nur deshalb, weil er schon genügend Probleme damit hatte, seine Rolle als Jüngster anzunehmen. Am Ende blieb ein Mädchen ein Mädchen.
Sie strich zärtlich über die raue Ahornrinde und ließ den Blick hinauf zum Gewirr der Äste über ihr wandern. Langes schwarzes Haar umrahmte ihr Gesicht, und es konnte kein Zweifel bestehen, wessen Kind sie war. Vor zwanzig Jahren hatte Eretria genauso ausgesehen wie ihre Tochter jetzt, vom dunklen Teint über die schwarzen Augen zu den weichen, zarten Gesichtszügen. Brin fehlte nur das feurige Temperament ihrer Mutter. Das hatte Jair geerbt. Brin hatte das Wesen ihres Vaters: kühl, selbstsicher und beherrscht. Als Wil Ohmsford einmal seine Kinder verglichen hatte – wozu ihm eines von Jairs eher tadelnswerten Missgeschicken den Anlass geliefert hatte –, war ihm wehmütig aufgefallen, dass Jair zu allem fähig war und Brin ebenso, sie allerdings erst nach reiflicher Überlegung. Brin wusste nicht mehr genau, wer bei dieser Strafpredigt schlechter davongekommen war.
Sie ließ die Hände seitlich am Körper entlanggleiten und erinnerte sich daran, wie sie einmal das Wünschlied auf den alten Baum angewandt hatte. Sie war noch ein Kind gewesen und hatte mit dem Elfenzauber herumprobiert. Es war Hochsommer gewesen, und sie hatte mit dem Wünschlied das grüne Sommerlaub des Ahorns in herbstliches Feuerrot verwandelt; in ihrem kindlichen Denken fühlte sie sich dabei völlig im Recht, denn Rot war schließlich eine weit hübschere Farbe als Grün. Ihr Vater war wütend gewesen; der Baum hatte fast drei Jahre benötigt, um nach dem Schock wieder seinen natürlichen Rhythmus zu finden. Das war das letzte Mal gewesen, dass sie oder Jair den Elfenzauber angewandt hatten, wenn ihre Eltern in der Nähe waren.
»Brin, komm, hilf mir bitte, den Rest zusammenzupacken.«
Ihre Mutter rief nach ihr. Brin tätschelte den alten Ahorn ein letztes Mal und drehte sich zum Haus um.
Ihr Vater hatte dem Elfenzauber niemals ganz über den Weg getraut. Vor etwas über zwanzig Jahren hatte er die Elfensteine, die ihm der Druide Allanon geschenkt hatte, eingesetzt, um die Erwählte Amberle Elessedil auf ihrer Suche nach dem Blutfeuer zu beschützen. Der Elfenzauber hatte ihn verändert; das war ihm damals schon klar geworden, auch wenn er nicht gewusst hatte, in welcher Weise. Das war erst nach Brins un