: Reem Sahwil
: Ich habe einen Traum Als Flüchtlingskind in Deutschland
: Heyne Verlag
: 9783641190323
: 1
: CHF 6.20
:
: Romanhafte Biographien
: German
: 240
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ihre Tränen bewegten Angela Merkel und die ganze Welt

Viel zu früh kam Reem Sahwil zur Welt, doch in ihrem libanesischen Flüchtlingslager konnte sie nicht schnell genug medizinisch versorgt werden. Mit gravierenden Folgen: Jahrelang war sie gelähmt und musste zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen. Ihre Flucht führte Reem und ihre Familie schließlich nach Deutschland, wo sie endlich die medizinische Behandlung erhielt, die sie brauchte.
Reems Geschichte steht stellvertretend für das Schicksal unzähliger Flüchtlinge in Deutschland, die nur den einen Wunsch haben: endlich in Sicherheit und ohne Angst leben zu können. Der bewegende Lebensweg eines Mädchens – und sein Traum von einer besseren Welt.

Reem Sahwil wurde 2000 in einem Flüchtlingslager in Baalbek, Ost-Libanon, geboren. Seit ihrer Geburt ist sie zu 30 Prozent gelähmt. Durch Unterstützung des Roten Kreuzes und anderer Organisationen kam sie 2010 nach Deutschland, um operiert zu werden. Seither lebt sie mit ihren Eltern und ihren zwei Geschwistern in Rostock.

Haifa.

Hier schimmert das Mittelmeer in seinem schönsten Azurblau. Breite Straßen sind von haushohen Palmen gesäumt. In üppig bewachsenen Gärten blühen rosa und knallpinke Oleander neben Oliven- und Orangenbäumen. Nirgendwo sind die Früchte saftiger oder die Datteln süßer. Auf den sattgrünen Wiesen der riesigen Parks spielen Kinder Fußball. Juden, Muslime, Christen – alle miteinander.

Alles ist friedlich.

Und alle sind glücklich.

Meine Uroma lehnt sich auf ihrer schmalen Bank zurück – gegen die hässlich graue Wand unseres Hauses. Mit ihrem verwaschenen Stofftaschentuch wischt sie sich eine Träne aus ihrem Gesicht. Es zerreißt mir jedes Mal das Herz, wenn ich die alte Dame weinen sehe. Etwas hilflos blicke ich zu ihr auf. In ihren faltigen Händen dreht sie den Schlüssel zu ihrem alten Zuhause. Diesen Schlüssel trägt sie immer bei sich. Jeden Morgen steckt sie ihn in ihr buntes Gewand mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie sich jeden Morgen ihr weißes Kopftuch umbindet – und das, obwohl sie ihr Haus in Haifa bereits vor über sechzig Jahren verlassen hat. Für mich ist das unvorstellbar lange her – unendlich lange bevor ich geboren wurde, sogar unendlich lange bevor meine Eltern geboren wurden.

Ein anderes Leben. In einer anderen Zeit.

Doch für meine Uroma ist es, als hätte sie ihre Haustür erst gestern hinter sich zugezogen. Dieser Schlüssel in ihren Händen fühlt sich an wie ein Versprechen, das noch eingelöst werden muss: das Versprechen ihrer Rückkehr.

Ich sitze zu ihren Füßen auf dem lehmigen Boden vor dem Haus, in dem ich mit meiner Familie lebe: mit meinen Eltern, zwei Onkeln und ihren Familien, einer unverheirateten Tante, einem unverheirateten Onkel, Oma und Uroma – insgesamt 24 Personen. Deshalb ist bei uns auch immer viel los. Natürlich. Immerhin sind wir vierzehn Kinder!

In diesem Moment stürmen einige meiner Cousins und Cousinen lachend aus der Haustür ins Freie, an Uroma und mir vorbei, ohne uns zu beachten. Sie sind mitten im Spiel: Fangen – definitiv eine der Lieblingsbeschäftigungen der Kinder hier im Lager. Meine Cousinen kreischen aufgeregt, und meine Cousins warten jedes Mal, bis der Fänger ganz dicht bei ihnen ist, um dann im letzten Moment zu entwischen. Dabei müssen sie sich in den verwinkelten Gassen immer wieder ducken, weil die Stromkabel, die wie bunte Girlanden sämtliche Häuser des Flüchtlingslagers miteinander verbinden, an manchen Stellen ziemlich tief hängen. Sehnsüchtig schaue ich ihnen hinterher – wie gerne würde ich mit ihnen herumtoben!

Weil auch Uroma kurz abgelenkt ist, versuche ich, den Kindern hinterherzurobben. Laufen kann ich nicht, da ich seit meiner Geburt einseitig gelähmt bin – eine Folge der schlechten medizinischen Versorgung hier im Lager. Aber trotz meiner Behinderung lassen mich meine Cousins und Cousinen immer mitspielen – so gut es eben geht. Gerade will ich meiner Lieblingscousine Doaa zurufen, dass sie auf mich warten soll, da stoppt ein Gehstock meine Flucht. Er steckt plötzlich direkt vor mir im lehmigen Boden.

Frustriert blicke ich an ihm hoch – in das vorwurfsvolle Gesicht meiner Uroma. Leider ist sie selbst mit ihren hundert Jahren noch viel flinker als ich! Resolut treibt sie mich zurück zu ihrer Bank, wo ich mich