: Beate Rygiert
: Herzensräuber Roman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641202897
: 1
: CHF 4.50
:
: Erzählende Literatur
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
ieses Buch zu lesen ist die schönste Art, sich sein Herz stehlen zu lassen!

Tobias’ Buchantiquariat läuft nicht besonders gut, noch dazu hat er gerade eine schmerzliche Trennung hinter sich. Als er im Urlaub einen liebenswerten spanischen Straßenhund aufliest, beschließt er kurzerhand, ihn mit nach Heidelberg zu nehmen. Wie sich herausstellt, hat Zola die Gabe, für jeden Menschen die richtigen Bücher zu finden – denn in jedem »Herzensräuber« erschnuppert er die Gefühle, die die bisherigen Leser darin hinterlassen haben. So bringt er nicht nur Tobias’ Geschäft auf Vordermann, sondern nach und nach auch dessen chaotisches Liebesleben …

Beate Rygiert studierte Theater- und Musikwissenschaft sowie Italienische Literatur in München und Florenz und arbeitete anschließend als Theaterdramaturgin, ehe sie den Sprung in die künstlerische Selbstständigkeit wagte. Nach Studien an der Kunstakademie Stuttgart, der Filmakademie Ludwigsburg und der New York Film Academy schrieb sie Bücher und Drehbücher, für die sie renommierte Preise wie den Würth-Literaturpreis und den Thomas-Strittmatter-Drehbuchp eis erhielt. Beate Rygiert reist gern und viel und hat eine Leidenschaft für gute Geschichten. Zu Hause ist sie in einem idyllischen Dorf im Schwarzwald.

1

Der neue Mensch

Ich träume …

Wohlig recke ich mich seiner Hand entgegen, damit er mich dort kraulen kann, wo es am schönsten ist: am Bauch, an der Brust und in den Beugen meine Vorderläufe. Weich und warm liege ich in meinem Körbchen, meine Welt ist in Ordnung, auch wenn mein Magen knurrt, denn ich weiß, es dauert nicht mehr lange, dann füllt er mein Schälchen auf. Schon jetzt strömt mir der Speichel ins Maul. Nur noch eine kleine Weile so daliegen, mich der Streichelhand hingeben, den Augenblick genießen. Aber was stößt mich denn da so unsanft in die Seite, wieder und wieder? Das kann nicht mein Mensch sein, ganz unmöglich! Und während die Tritte heftiger werden, verblasst seine Gegenwart, und mit dem Erwachen fällt die Wirklichkeit wieder über mich her. Ich liege in der Höhle über der Brandung, das Körbchen ist für immer verloren, denn mein erster Mensch ist nicht mehr.

Der Morgenwind weht die Neuigkeiten des noch jungen Tages herein. Da ist ein Geruch, ein bestimmter, der mich hellwach werden lässt, während die Tritte gegen meine abgemagerten Rippen immer heftiger werden. Es ist natürlich Tschakko, der Anführer des Rudels, dem ich mich angeschlossen habe, nachdem ich mein Zuhause verlor. Er will, dass ich die Kuhle räume. Es ist das einzige mit Sand gefüllte Lager in dieser verdammten Höhle, die ansonsten uneben ist und kantig. Ich denke nicht daran, diesen bequemen Platz aufzugeben. Schon gar nicht wegen Tschakko. Ich ziehe meine Lefze hoch, gerade so weit, dass mein Eckzahn zum Vorschein kommt, und werfe ihm einen gefährlichen Blick aus halb geöffneten Lidern zu. Aus den Tiefen meiner Brust lasse ich ein Knurren erklingen, das jedem vernünftigen Hund die Haare zu Berge stehen ließe.

Hörst du das, Tschakko? So klingt das bei einem echten Macho.

Er weicht zurück. Na bitte. Noch ein paar Tage, und das Rudel wird ihm den Rücken kehren und mir folgen, falls ich es darauf anlege. Als ob mir daran etwas gelegen wäre. Ich bin kein Rudelhund. Ich bin ein Menschenhund.

Da ist er wieder, dieser Duft. Unverkennbar nach Mensch. Auch Tschakko hat es bemerkt. Mein Herz beginnt wie wild zu pochen. Es istsein Duft. Doch das ist nicht möglich, ich weiß es. Er hat aufgehört zu sein, der Tod hat ihn von innen zerfressen, langsam und unaufhörlich. Ich wusste es, lange bevor er es ahnte. Die Menschen sind so hilflos. Sie wissen so wenig. Ihr Geruchssinn ist besorgniserregend. Und doch sind sie mächtig. Wir gehören zusammen, Mensch und Hund. Nur gemeinsam können wir das Leben meistern.

Doch woher nur kommtsein Geruch? Ich hebe den Kopf und sauge die Luft ein. Schnüffle, wittere. Schmecke sie ganz hinten in meiner Kehle. Tschakko hat kein Interesse mehr an meiner Kuhle, und so kann auch ich ohne Ehrverlust aufstehen, zum Rand der Höhle gehen, dem Geruch folgen. Mit einem Stich der Enttäuschung muss ich mir eingestehen: Es ist nicht der Duft meines ersten Menschen. Er ist seinem nur ähnlich. Sehr ähnlich. Und je mehr ich von ihm in der Nase habe, auf der Zunge und an meinem Gaumen schmecke, desto aufgeregter werde ich. Doch auf einmal ist er verschwunden. Weg. Der Wind hat ihn fortgeweht. War er überhaupt da, oder habe ich auch ihn nur geträumt?

Ich stehe am Rand der Höhle, spitze die Ohren und sondiere die Lage: Da sind die üblichen Morgengeräusche von Pepes Bar dort hinten, ganz am anderen Ende des ewig weiten Strandes, und der ekelha