PROLOG
»Nein, Junge, nicht so!«
Der alte Mann riss Rubin das Schwert aus der Hand und schlug ihm mit der flachen Seite gegen die Schulter. »Nein, du kleiner Dummkopf! Schau, wie deine Schwester das macht!«
Rubin rieb sich die Schulter und drehte sich zu Indaro herum, die unbeeindruckt von der Wut ihres Fechtmeisters den Ausfallschritt mit Kraft und Geschmeidigkeit zeigte. Dann hielt sie die Position, stand reglos da wie eine Statue, leicht wie ein Blatt und fest wie ein Felsen. Sie lächelte ihren Bruder ohne jede Arglist an.
Rubin verließ der Mut. »Ich kann nicht mehr.« Er beneidete Indaro nicht. Im Gegenteil, er bewunderte und respektierte sie für ihre Fähigkeiten. Doch er wusste, obwohl er noch zwei Jahre jünger war als sie, dass er niemals ein so meisterhafter Schwertkämpfer werden würde, selbst wenn er täglich übte und uralt würde, ja, nicht einmal ein besonders fähiger.
Weder seine Schwester noch Gillard, ihr Fechtlehrer, hielten Rubin auf, als er die Treppe aus dem versunkenen Garten hinauflief, wo sie an Sommertagen übten. Als er oben ankam, umwehte ihn der eisige Wind, der vom Meer herkam. Das Haus der Guillaume, ein viereckiger grauer Kasten, stand oben auf dem Salient, dem felsigen, hohen Kliff zwischen der Cité und dem Meer. Hier war es immer windig. Rubin blickte zum Haus hoch und bemerkte überrascht, dass ihr Vater an dem hohen Fenster seines Arbeitszimmers stand und auf ihn herabblickte.Aber nein, dachte Rubin traurig,er sieht nicht mich an, er beobachtet Indaro.
Einem Impuls folgend, lief er ins Haus, durch die grauen steinernen Korridore und stürmte die Treppe zum Arbeitszimmer hinauf, wobei er immer drei Stufen auf einmal nahm. Vor der Tür kam er rutschend zum Stehen.
Rubin hatte keine Angst vor seinem Vater. Es würde noch vier Jahre dauern, bevor er wirklich erfuhr, was Angst bedeutete. Aber der Mann schüchterte ihn ein. Er sah ihn nur selten und sprach noch seltener mit ihm, aber wann immer es zu einem Gespräch kam, schien kein besonderes Band zwischen ihnen zu bestehen. Jedenfalls kein stärkeres Band als zwischen Reeve Kerr Guillaume und einem seiner Lakaien. Jetzt klopfte Rubin an seine Tür.
»Herein.«
Sein Vater stand immer noch am Fenster.
»Ich will keinen Fechtunterricht mehr nehmen!«, platzte Rubin heraus, den Blick auf den Rücken seines Vaters gerichtet.
Reeve drehte sich langsam herum. Sein langes asketisches Gesicht wirkte gelassen wie immer.
»Wie du wünschst.«
»Ich weiß, dass ich erst zwölf Jahre alt bin und es noch vier Jahre dauern wird, bevor ich in die Armee des Kaisers eintrete, und dass ich mich in dieser Zeit verbessern könnte.« Der Junge nahm die Einwände des Vaters vorweg, obwohl dieser sie gar nicht äußern zu wollen schien. »Aber …«, er zögerte.
»Abe