: Mark Watson
: Die Stadt im Nichts Roman
: Heyne Verlag
: 9783641206703
: 1
: CHF 4.50
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: Erzählende Literatur
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein etwas undurchsichtiger Auftrag führt den Werbetexter Tim Callaghan nach Dubai. Bevor er weiß, wie ihm geschieht, steht er zwischen Wolkenkratzern, die inmitten der Wüste erbaut wurden, und fährt bei 45 Grad in vollklimatisierten SUVs über achtspurige Highways. Doch kaum hat er sich an seine neue Umgebung gewöhnt, wird ein Mitarbeiter seines Teams tot aufgefunden. Das Merkwürdige daran ist, dass es niemanden so recht zu stören scheint …

Mark Watson, geboren 1980 in Bristol, ist Romanautor, Kolumnist, Radio- und Fernsehmoderator und international erfolgreicher Stand-up-Comedian. Er ist außerdem Fußball-Experte, studierter Literaturwissenschaftler und Umweltaktivist. Er ist bekannt für Marathonauftritte, die 24 Stunden und länger dauern. Mark Watson lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in London. »Ich könnte am Samstag« (Hardcover: »Elf Leben«) war sein erster ins Deutsche übersetzter Roman, zuletzt erschien von ihm »Hotel Alpha«.

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Wir werden das Leben vieler Menschen verändern

Ihre Reise hatte in London Heathrow an einem Morgen begonnen, der so düster war, als würde gleich die Nacht hereinbrechen. Und nun, zehn Stunden später, das genaue Gegenteil: Die blauviolette Nacht war taghell erleuchtet. Während der Fahrt durch Dubai bestaunte Tim die von zahllosen Lichtern hervorgehobenen Formen der Gebäude, die noch viel eindrucksvoller wirkten als auf den Bildern im Internet. Eines der Hochhäuser erinnerte an eine Tulpe, von einem Kranz aus stählernen Blütenblättern gekrönt. Andere hatten pfeilförmige Spitzen, die den Himmel wie scharfe Klingen zu durchschneiden schienen. Manche Gebäude veränderten auf halber Höhe ihre Form. Die Skyline schimmerte grün und violett – Farben, die niemand erwartet hätte. Und hier in ihrer Ferienanlage waren die Bäume mit Lichterketten behängt, als würde hier permanent gefeiert. Die Wege waren von Laternen gesäumt.

Als Tim über die Köpfe der ihm Gegenübersitzenden hinausblickte, sah er in der Ferne das Burj Al Arab, das berühmteste Wahrzeichen Dubais, dessen segelförmige Silhouette von roten und blauen Lichtern hervorgehoben wurde. Wochenlang hatte er in Vorfreude auf diese Reise ein Bild des Gebäudes auf seinem Desktop gehabt. Sein Verstand hatte Mühe zu begreifen, dass er nun das echte Gebäude betrachtete. Eigentlich fühlte sich nichts hier so richtig echt an. Es erschien ihm so unwirklich, dass er morgen in einem Bett aufwachen würde, das an ein Seerosenblatt erinnerte, in einem sonnengewärmten Chalet zwischen Pools und Swim-up-Bars, während seine Kollegen zu Hause zum Bus hetzten und mit gesenkten Köpfen durch den herbstlichen Sprühregen schlurften. Er blickte in die Runde seines neuen Teams und konnte sich das Lächeln kaum verkneifen.

Christian Roper räusperte sich, um zur Begrüßungsansprache anzusetzen. Obwohl kaum hörbar, war das genauso wirkungsvoll, als hätte er mit der Gabel gegen sein Glas getippt. Die Stimmen am Tisch verstummten. »Okay«, begann er, »vielleicht ein paar kleine Formalitäten vorweg. Zuallererst: herzlich willkommen. Jo und ich – und alle anderen von WorldWise – freuen uns riesig, Sie hier begrüßen zu können. Wir haben die Chance, eine tolle Kampagne zu starten. Was heißt toll – eine geniale Kampagne. Absolut genial.«

Roper sprach mit dem eindringlichen Ton eines Politikers und suchte auf die gleiche Weise den Augenkontakt mit seinen Zuhörern, doch Tim fand, dass er dabei um einiges überzeugender wirkte als die meisten Politiker. Er verstand es immer noch, eine Verbindung zu seinem Publikum herzustellen – eine Gabe, die ihn in den Neunzigerjahren zu einer bekannten Fernsehpersönlichkeit gemacht hatte. Als er später anfing, sich für humanitäre Anliegen zu engagieren, beklagten sich Tims Eltern, sobald sein Gesicht im Fernsehen erschien, er sei »in letzter Zeit ziemlich ernst geworden«. Roper war nicht so groß, wie Tim ihn sich vorgestellt hatte, doch er war eine dieser Persönlichkeiten, die mit der Größe ihres