VORGESCHICHTE
Der Urknall: Wie ich nach der Elternzeit zu einer arbeitslosen Mutter wurde
Nick, mein kleiner Sohn, der bis eben noch tief und fest in meinen Armen schlummerte, ist aufgewacht. Erst meldet er sich mit einem leisen Glucksen, dann mit mehreren lauten Wähwähhhhs. Milchdurst! Er befreit seine Ärmchen und Beinchen mit heftigen Ruder- und Strampelbewegungen aus meiner Umarmung, krabbelt auf meinen Bauch und zieht erwartungsvoll an meinen Haaren und Ohren. Dann bohrt er kurz seinen Zeigefinger in mein rechtes Nasenloch. Autsch! Bereits im zarten Alter von zwölf Monaten und drei Tagen weiß er genau: Meine Mama ist ein Morgenmuffel und muss mit sanften Ritualen geweckt werden.
Ich taste schlaftrunken nach meinem Telefon, das irgendwo auf dem Nachttisch liegen muss. Das Display zeigt 5.17 Uhr. Verdammt, flucht meine innere Stimme. Wieso ist Nick so früh wach geworden? Normalerweise trinkt er doch erst um sieben Uhr seine Guten-Morgen-Nuckelflasche. Ausgerechnet heute, an meinem ersten Arbeitstag nach einem Jahr Elternzeit, raubt er mir den Schlaf.
Ich stehe auf, nehme das durstige Bündel in meine Arme und beruhige ihn mit einem langsamen Wiegewalzer, den ich mit ihm im Schummerlicht durch das Schlafzimmer tanze. Engtanzen und leise »Sch-Sch-Sch’s« helfen immer, wenn Nick unzufrieden ist. Wir tanzen im Dreivierteltakt zur Fensterbank, dort bereite ich eine Milchflasche für ihn zu. Zwischendurch schiebe ich das Rollo einen Spalt zur Seite und werfe einen Blick aus dem Fenster. Es ist dunkel, Berlin schläft noch. Vereinzelt blinkt die noch nicht abgehängte Weihnachtsbeleuchtung aus den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser. Ein kitschiger einäugiger Schneemann mit Zipfelmütze grinst mich an. Ich habe das Gefühl, dass er mich auslacht – wie ich da so am Schlafzimmerfenster unserer Dachwohnung stehe: übermüdet, mit verquollenen Augen, in einem ausgewaschenen Micky-Maus-Schlafhemd, links das Baby wiegend und rechts eine Nuckelflasche schüttelnd. Ich strecke dem Schneemann kurz die Zunge raus – soll er doch woanders hingucken und grinsen.
Ich lege Nick in unser Bett, das seit geraumer Zeit in eine Familien-Schlaflandschaft umfunktioniert worden ist, und drücke ihm die Milchflasche in die Hand. Dann krieche ich unter die Bettdecke und stelle erleichtert fest: Er nuckelt mit geschlossenen Augen und zwirbelt seine goldbraunen Wuschelhaare um den Zeigefinger – ein sicheres Zeichen dafür, dass er wieder einschläft. Auch ich muss schlafen und Energie tanken. Dringend. Aber ich komme verflixt noch mal nicht zur Ruhe. In meinem Kopf dreht sich ein außer Kontrolle geratenes Gedankenkarussell mit der Aufschrift »Tschüss Elternzeit, hallo Job!«, in dem Nick, mein Mann Max, Nicks künftige Erzieherin und meine beiden Chefs, Herr Frey und Herr Werth, sitzen.
Nun beginnt er also – ein neuer Lebensabschnitt. In vier Stunden sitze ich im Büro und fange wieder an, als Inhouse-Juristin eines internationalen Logistikunternehmens zu arbeiten. Zweifel überkommen mich. Wird es mir gelingen, vom Windel-, Nuckel- und Bauklotz-Modus in den Paragafen-Modus zu wechseln? Kann ich das überhaupt noch – eine Rechtsabteilung leiten und Verantwortung für mein Team und teure Transaktionen tragen? Gesetze studieren, Paragrafen jonglieren und Gutachten für meine Chefs schreiben? Das fühlt sich fremd an – und dazu noch meilenweit entfernt. Was ist, wenn ich meinen Job nach der Elternzeit verlernt habe? »So ein Quatsch«, ermahnt mich meine innere Anwältin, die langsam aus dem einjährigen Dornröschenschlaf erwacht, »du hast dich im letzten Jahr doch fortgebildet und deinen Fachanwalt für Arbeitsrecht gemacht. Ganz blöd kannst du ja nicht sein.«
Ich umarme Nick und ziehe ihn an mich. Er riecht gut und vertraut nach Elternzeit. Ein Cocktail aus Milch, Karamell und einem Hauch Lavendel-Gute-Nacht-Bad. Ich merke, wie das schlechte Gewissen an mir nagt. Der arme Zwerg, auch für ihn beginnt heute der Ernst des Lebens – sein erster Tag in der Krippe. Da