: Tore Renberg
: Wir sehen uns morgen Roman
: Heyne Verlag
: 9783641189495
: 1
: CHF 9.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 736
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein fünfzehnjähriges Mädchen, das um jeden Preis geliebt werden will, sich aber den Falschen aussucht. Ein Geschwisterpaar, das seit frühester Jugend auf sich gestellt ist und sich mit Gaunereien über Wasser hält. Ein alleinerziehender Vater, der der Spielsucht verfällt und bald seine Kinder nicht mehr ernähren kann. Vom Schicksal gezeichnete Figuren, die in einem Strudel aus Brutalität, Humor, Tragik und Liebe aufeinandertreffen und gegen alle Unbill um ihr Glück kämpfen.Wir sehen uns morgen ist ein sprachlich herausragender Roman über Existenzangst, Überleben und die Suche nach Liebe.



Tore Renberg (geb. 1972) nimmt in der norwegischen Literatur einen außergewöhnlichen Platz ein, sein literarisches Werk umfasst eine große Spannbreite. Er ist einer von Norwegens populärsten und erfolgreichsten Autoren, vielfach preisgekrönt, seine Bücher erscheinen in 23 Ländern.Die Lungenschwimmprobeist sein erster historischer Roman, für den er mehrmals vor Ort in Sachsen war, um in Archiven, Museen und Kirchenbüchern Anregungen und Anhaltspunkte für seine Geschichte zu finden.

1666 (Pål)

Seine Augen fühlen sich an, als wären sie voll Sand.

Als läge eine feine Sandschicht auf der Bindehaut, schon seit mehreren Wochen. Nichts hilft, Augentropfen, Augensalbe – es geht einfach nicht weg. Die Körnchen scheuern über die Bindehaut. Wenn das noch lange dauert, perforieren die Sandkörnchen irgendwann die Hornhaut, und dann wacht er eines Tages auf und ist nicht mehr in der Lage, die Welt zu sehen.

Vielleicht gar nicht so schlecht.

Davon kann einem echt übel werden.

Es wird nie im Leben hinhauen, oder?

Pål wischt die Armaturen trocken, faltet den Lappen und legt ihn über den Wasserhahn. Er stützt sich am Waschbecken auf und atmet tief ein, als würde das helfen. Er hört im Obergeschoss die Spülung rauschen, atmet aus und wirft dem Hund einen Blick zu. Der schwarz-weiße Border Collie döst auf der Decke neben dem Kamin.

»Hm, Zitha? Ganz gut, oder?«

Das Rauschen der Klospülung verstummt, und im Haus ist es wieder still. So still wie draußen, wo sich im gelben Schein der Straßenlaternen nicht mal die Blätter an den Bäumen bewegen. Nicht mal der Bindfaden an der Tanne regt sich, an dem die Mädchen immer Milchtüten befestigt haben, Milchtüten, in die sie Öffnungen geschnitten hatten, um ein Stöckchen hindurchzustecken, damit die Kohlmeise darauf sitzen und fressen konnte.

Papa? Dürfen wir ein paar Rosinen haben? Mögen Singvögel Rosinen?

Die Milchtüte verschwand, die Ehefrau verschwand, aber die Mädchen sind noch da, so wie der Bindfaden.

Pål kneift das rechte Auge zu und presst gereizt den Zeigefinger auf das Lid. Er macht das Radio an.P4. Coldplay. Der Song war vor ein paar Jahren mal ein Hit. Wie heißt er gleich wieder? Echt nervig, wenn sie den Titel nicht singen.Now in the morning I sleep alone.Er macht das Radio wieder aus. Die ganze Welt redet über ihn, und das hält er nicht mehr aus. Er kann nicht mehr fernsehen, er kann die Zeitung nicht lesen, und wenn er mit einem Roman auf dem Schoß dasitzt, liest er dieselbe Seite sechzehnmal, ohne auch nur ansatzweise mitzukriegen, was da steht.

Das Einzige, was er erträgt, ist die Stille. Egal, wie ätzend sie sein kann.

Der Herbst kam in diesem Jahr früh. Die ersten Septemberwochen waren in Regen ertränkt und vom Wind verweht, aber jetzt gibt es plötzlich doch noch ein paar schöne Tage. Als hätte der Sommer den Wunsch, ein letztes Mal Abschied zu nehmen. Am weit offenen Himmel hängt tief die gleißende Sonne