Kapitel 1
Mir waren die Lider so schwer, dass ich sie vor Müdigkeit nicht aufbekam, obwohl die erste herbstliche Morgensonne durch die Fenster schien. Statt richtig aufzuwachen, kuschelte ich mich tiefer in die blaue Kaschmirdecke, die mir mein Besitzer Javier gekauft hatte. Ich kniff die Augen zu, um noch ein paar Minuten mit der geliebten Decke im Bett zu bleiben, und rollte mich so lange hin und her, bis ich die bequemste Stellung gefunden hatte. Doch sosehr ich auch versuchte, noch ein Weilchen ins Schlummerland zurückzukehren, merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte.
Ich blinzelte, fest entschlossen, die Augen diesmal aufzubekommen, rappelte mich auf alle vier Pfoten hoch und sah mich um. Mit Schrecken registrierte ich, dass mir der Raum, in dem ich mich befand, völlig fremd war. Wo war das Sofa, auf dem ich so gerne ein Nickerchen hielt? Der Fernsehapparat, in dem ich mirTom und Jerry ansah? Der Couchtisch aus Glas, an dem ich mir immer wieder die Nase stieß, und der dicke bunte Teppich, auf dem ich mich so gerne wälzte? Wieso war ich nicht zu Hause?
Mit Herzklopfen blickte ich links und rechts über meine Schulter und stellte fest, dass ich allein in einem kleinen Raum war, mit nichts als meinem Bett und einem Korb voll Spielzeug und einem alten Sessel an der gegenüberliegenden Wand. Meine Futter- und Wasserschüssel standen neben der Tür, und auf dem Boden lag ein altes Schafsfell. Als ich draußen vor dem Zimmer Schritte hörte, wandte ich den Kopf und spähte durch ein großes Plexiglasfenster, das auf einen Flur hinausging, auf dem es von aufgeregten Hunden sowie Menschen in grünen Uniformen nur so wimmelte.
In dem Moment stürmten die Erinnerungen mit aller Wucht auf mich ein, und als mir klar wurde, dass ich unendlich weit von zu Hause weg war, zitterte ich am ganzen Leib. In allen Einzelheiten sah ich wieder vor mir, wie mich Javier in dieses Tierheim gebracht hatte, auch wenn mir nicht klar war, warum. Hatte ich mich schlecht benommen? Liebte mich Javier nicht mehr? War ich zu einem anderen Hund gemein gewesen? Oder schlimmer noch, hatte ich die größte aller Hundesünden begangen und ohne ersichtlichen Grund einen Menschen gebissen?
Verzweifelt plumpste ich auf mein Bett zurück, legte die Pfoten über die Augen und versuchte zu begreifen, wieso Javier mich hiergelassen hatte, um zu verrotten wie schon so viele andere brave Hunde vor mir. Ich wusste, dassDie Vergessenen Pfoten, wie wir in der Hundegemeinschaft Tierheime wie dieses nannten, für unliebsame Hausgenossen waren, für Streuner, Straßenköter und andere lästige Viecher. Gehörte ich auf einmal auch dazu? War ich plötzlich nicht mehr erwünscht? Ich hatte meinen Besitzer Javier vergöttert und geglaubt, dass er mich genauso liebte wie ich ihn. Vor drei Jahren war ich als kleiner Welpe zu ihm gekommen. Ich war glückl