: Sebastian Junger
: Tribe Das verlorene Wissen um Gemeinschaft und Menschlichkeit
: Karl Blessing Verlag
: 9783641203610
: 1
: CHF 17.90
:
: Gesellschaft
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Unser Trauma: eine Gesellschaft ohne Gemeinschaft

»Entbehrungen machen dem Menschen nichts aus, er ist sogar auf sie angewiesen; worunter er jedoch leidet, ist das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Die moderne Gesellschaft hat die Kunst perfektioniert, Menschen das Gefühl der Nutzlosigkeit zu geben. Es ist an der Zeit, dem ein Ende zu setzen.«Sebastian Junger

Warum beschließen Soldaten nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg und in die Heimat, sich zu neuen Einsätzen zu melden? Warum sind Belastungsstörungen und Depressionen in unserer modernen Gesellschaft so virulent? Warum erinnern sich Menschen oft sehnsüchtiger an Katastrophenerfahrungen als an Hochzeiten oder Karibikurlaube? MitTribehat Sebastian Junger eines der meistdiskutierten Werke des Jahres vorgelegt. Er erklärt, was wir von Stammeskulturen über Loyalität, Gemeinschaftsgefühl und die ewige Suche des Menschen nach Sinn lernen können.

Der Journalist Sebastian Junger, geboren 1962, ausgezeichnet mit dem National Magazine Award, veröffentlichte die ReportagensammlungFeuerDer Sturm, der mit George Clooney und Mark Wahlberg verfilmt wurde. Sein BuchWar - Ein Jahr im Krieg (Blessing, 2010) war einNew-York-Times- undSPIEGEL-Bestseller, sein FilmRestrepo erhielt den Grand Jury Prize des renommierten Sundance Film Festival und eine Oscar-Nominierung als bester Dokumentarfilm. Junger lebt in New York.

Das möglicherweise Erstaunlichste an Amerika ist die Tatsache, dass es unter den modernen Nationen, die sich zu Weltmächten entwickelten, das einzige Land ist, dem der Aufstieg gelang, obwohl es mit dreitausend Meilen unwirtlicher, von Steinzeitstämmen bewohnter Wildnis konfrontiert war. Vom King Philip’s War im siebzehnten Jahrhundert bis zu den letzten Viehdiebstählen durch die Apachen am Rio Grande im Jahr 1924 führte Amerika fortwährend Krieg gegen eine eingeborene Bevölkerung, die sich technologisch gesehen seit 15 000 Jahren kaum verändert hatte. Im Verlauf von drei Jahrhunderten entwickelte Amerika sich zu einer boomenden Industriegesellschaft, gespalten durch Klassenunterschiede und Rassenungerechtigkeit, aber zusammengeschweißt durch ein Gesetzeswerk, vor dem alle Menschen zumindest theoretisch als gleich angesehen werden. Die Indianer dagegen lebten gemeinschaftlich in mobilen oder halbstationären Lagern, die mehr oder weniger konsensorientiert und weitgehend egalitär geführt wurden. Niemand konnte individuelle Autorität einfach an sich reißen, sie musste verdient werden. Ausgeübt werden konnte sie einzig gegenüber den Menschen, die bereit waren, sie anzunehmen. Wer das nicht wollte, dem stand es frei zu gehen.

Die Nähe dieser beiden Kulturen über viele Generationen bot der einen wie der anderen Seite die Wahl zwischen krass unterschiedlichen Lebensweisen. Zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurden in Chicago Fabriken errichtet, und in New York entstanden die ersten Slums, während die Indianer tausend Meilen entfernt noch mit Speeren und Tomahawks kämpften. Es sagt wohl etwas über die menschliche Natur aus, dass eine überraschend hohe Anzahl von Amerikanern, hauptsächlich Männern, sich irgendwann indianischen Gesellschaften anschloss, statt in ihrer eigenen zu bleiben. Sie eiferten den Indianern nach, heirateten, wurden von ihnen adoptiert und kämpften in einigen Fällen sogar an ihrer Seite. Das Gegenteil geschah so gut wie nie: Indianer liefen nicht über, um Mitglieder der weißen Gesellschaft zu werden. Emigration schien ausschließlich von der zivilisierten zur Stammesgesellschaft stattzufinden, und westliche Denker konnten sich eine so deutliche Ablehnung ihrer Gesellschaft beim allerbesten Willen nicht erklären.

»Wenn ein indianisches Kind, das bei uns aufgewachsen ist, unsere Sprache erlernt hat und an unsere Bräuche gewöhnt wurde«, so schrieb Benjamin Franklin 1753 an einen Freund, »sich aber irgendwann zu seinen Verwandten begibt und sie auf nur einem Streifzug begleitet, dann lässt es sich nie wieder zur Rückkehr bewegen.«

Andererseits, fuhr Franklin fort, war es fast unmöglich, weiße Gefangene nach ihrer Befreiung aus den Händen der Indianer zu Hause zu halten: »Obwohl von ihren Freunden freigekauft und mit aller denkbaren Behutsamkeit behandelt, um sie davon zu überzeugen, bei den Engländern zu bleiben, sind sie schon nach kurzer Zeit von unserer Lebensart angewidert … und nutzen die erstbeste Gelegenheit, um wieder in die Wälder zu entkommen.«

Die Tatsache, dass viele Weiße das Stammesleben bevorzugten, war ein Problem, das während der pennsylvanischen Grenzkriege der 1760er-Jahre auf besonders bittere Weise zum Tragen kam. Im Frühling 1763 berief Pontiac, ein indianischer Anführer aus Ottawa, einen Rat der Stämme ein, die an dem kleinen Fluss Ecorces in der Nähe des ehemaligen französischen Handelspostens in Detroit im heutigen Bundesstaat Michigan lebten. Die stetige Ausbreitung weißer Siedlungen war bedrohlich, einte aber die indianischen Stämme, wie kein Ausmaß an Frieden und Wohlstand es jemals gekonnt hätte, und Pontiac glaubte, mit einer ausreichend breiten Allianz die Weißen dorthin zurückdrängen zu können, wo sie eine oder zwei Generationen zuvor gewesen waren. Unter den Indianern befanden sich Hunderte weißer Siedler, die nach ihrer Verschleppung aus Grenzs