II
Hamburg, 4. August 2003
Anne Niemeyer saß in ihrem Büro hinter dem Schreibtisch und starrte aus dem Fenster. Sie war wütend. Sie war so wütend, dass ihr das Blut in den Schläfen pochte und ihre Finger unablässig auf die Tischplatte trommelten. Nicht einmal die brennende Duftkerze half, obwohl ihr Lavendelaroma sie sonst in hektischen Zeiten oder während drohender Krisen immer beruhigte. Sie war so wütend, dass sie noch nicht einmal mehr an ihre Arbeit denken konnte. Und das alles nur wegen Carsten, dem Chefredakteur des Frauenmagazins, für das sie arbeitete. Während der Redaktionssitzung hatte er erklärt, dass die von ihr bereits sorgfältig vorbereitete Reportage über die schönsten Badebuchten Brasiliens auf einen späteren Zeitpunkt verschoben würde. Und dann, sozusagen als Krönung, hatte er ihr eröffnet, dass der freie Posten der stellvertretenden Chefredakteurin nicht an sie, sondern an ihre Kollegin Susanne Main vergeben werde.
Statt also die nächste Redaktionssitzung zu leiten und bald nach Rio zu fliegen, sollte sie nun ihre Koffer packen und Ende August nach Florenz reisen, um dort von dem mittelalterlichen Spektakel Calcio in Costume zu berichten wie eine kleine freie Mitarbeiterin, die sich ihre journalistischen Sporen noch verdienen musste. Als sie gegen diese Entscheidungen aufbegehrt hatte, hatte Carsten nur gelacht und gesagt, dass sie sich nicht so aufregen solle. Vor den anwesenden Herausgebern. Als ob sie eine hysterische Hausfrau wäre, die sich dagegen sträubte, dass ihr Yogakurs um eine Stunde verlegt werden sollte. Dabei hatte Carsten selbst erst vor kurzem zu ihr gesagt, sie sei die perfekte Stellvertreterin. Dabei war er anfangs selbst Feuer und Flamme gewesen, was die Brasilien-Story betraf, und hatte ihr sogar großzügige Mittel versprochen.
Woher dieser plötzliche Stimmungswandel kam, war nur zu klar. Es fiel Carsten leicht, seine Meinung zu ändern – entsprechend dem Wind, der gerade aus der Verlagsleitung wehte. Warum auch nicht. Er hatte nicht seine Freizeit geopfert, um der vernachlässigten und etwas angestaubten Reiserubrik des Magazins ein neues, zeitgemäßes Image zu verleihen. Allein in der Brasilien-Sache steckte ein Monat Arbeit. Sie hatte umfangreiche Recherchen betrieben, Kontakte mit einheimischen Prominenten, Hoteliers und Restaurantbesitzern überall auf der Welt geknüpft, Fotografenteams zusammengestellt. Er hatte das alles nicht getan, sondern sie. Natürlich neben ihren täglichen Pflichten in der Redaktion. Für Brasilien war alles fix und fertig. Sie und die Fotografen brauchten praktisch nur noch in das Flugzeug nach Rio zu steigen. Aber nein. Jetzt sollte sie nach Florenz. Mit der Bahn. So ein verdammter Mist. Ausgerechnet Florenz.
Anne warf einen Blick auf die Uhr, die an der gegenüberliegenden Wand hing.