EINS
»Aber das machen doch alle!«
Bereits in der Sekunde, in der die Worte über seine Lippen gingen, wusste Leif, dass sie dumm waren.
Der Richter in seiner schwarzen Robe beugte sich vor. Er lehnte die Unterarme auf sein Pult und lächelte. Der Ausdruck in seinen Augen sprach eine andere Sprache.
»Mein lieber Herr Nehring«, sagte er nonchalant, »es geht hier nicht darum, ob esalle machen.« Mahnend hob er den Zeigefinger. »Es geht darum, dassSie es gemacht haben. DassSie dabei erwischt worden sind. DassSie hier heute vor mir stehen.«
Dasverdanke ich einem saudummen Zufall, dachte Leif. Er hielt den Mund. Der Richter hatte recht, so viel war klar.Er war mit dem Stoff erwischt worden, nicht Alina, nicht Robbie, auch nicht Raphael.Er stand im Saal III des Berliner Amtsgerichts in Charlottenburg. Under hatte keine Ahnung, wie schlimm das Urteil ausfallen würde. Aber der Gedanke daran, dass die Vollzugsanstalt nur eine Seitenstraße weit vom Gerichtssaal entfernt lag, verstärkte seine Beklemmung.
»Eine Bewährungsstrafe im schlimmsten Falle«, hatte Dr. Klaus Holzer beruhigt. Der kleine, dickliche Rechtsverdreher mit mehr Schuppen auf den Schulterpolstern seines Jacketts als Haaren auf dem Kopf hatte bereits vor Jahren einmal Leifs Vater vertreten. Der Vorfall lag so viele Jahre zurück, dass Leif sich nicht mehr daran erinnern konnte, worum es bei dem Prozess gegangen war. Aber eines hatte er behalten: Sein Vater war als freier Mann aus dem Gerichtssaal gegangen. Also verteidigte Holzer nun Leif, und man sollte meinen, ein erfahrener Anwalt würde wissen, wovon er sprach. »Wenn Sie Glück haben, sogar nur einige Tagessätze.«
Genau da lag für Leif das Problem: In den letzten Wochen hatte es keineswegs so ausgesehen, als sei das Glück auf seiner Seite.
Nicht aufregen. Er atmete durch.Bloß nicht noch ein Patzer. »Seien Sie nicht überheblich«, hatte Holzer vor Verhandlungsbeginn geraten, wenige Minuten bevor sie das Gerichtsgebäude betreten hatten. Leif hatte einen letzten Blick auf das Gefängnis schräg gegenüber geworfen. »Zeigen Sie Reue. Dann können Sie mit Milde rechnen.«
Leif wich dem forschenden Blick des Richters aus, als könne dieser in den Augen der Angeklagten deren Gedanken lesen. Das war natürlich absurd, genauso wie der Eindruck, der Richter und seine beiden Schöffen seien in ihren schwarzen Roben Henker, die nur noch darüber zu befinden hatten, auf welche Art das Todesurteil vollstreckt werden sollte.
Er sah aus dem Fenster auf den Platz vor dem Gericht