: Ines Thorn
: Die Strandräuberin Historischer Roman
: Aufbau Verlag
: 9783841212801
: 1
: CHF 3.00
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 336
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Von Liebe und Meer.

Syltim Jahr 1711: Es ist die Zeit der Walfänger und Strandräuber. Das Leben ist hart auf Sylt - besonders für Frauen, die sich alleine durchschlagen müssen. Seit dem Tod ihrer Eltern ist für Jördis die Kate ihrer Großmutter Etta in Rantum ihr karges Zuhause. Die beiden leben von Strandräuberei und davon, dass sie Syltern heimlich die Zukunft weissagen - mit ihrem Runenorakel, denn sie hängen dem alten nordischen Glauben an. Misstrauisch vom Pfarrer des Ortes beäugt, geht Jördis ausgerechnet mit dessen Tochter Inge eine Freundschaft ein. Als sie gesteht, dass sie in Arjen, den jungen Schmied, verliebt ist, zerbricht die Freundschaft, denn auch Inge hofft, dass Arjen ihr die Ehe anträgt. Doch der Schmied gesteht Jördis seine Liebe. Sie beschließen, vor dem nächsten Biikebrennen zu heiraten. Aber alles kommt anders, als in der Kirche ein Kreuz von der Decke fällt und ein heftiger Sturm die Insel heimsucht. Der Pfarrer findet sofort die Schuldigen: Jördis und ihre Großmutter sollen Hexen sein ...

Dramatisch und schicksalhaft: der Kampf einer jungen Frau um ihr Glück.



Ines Thorn wurde 1964 in Leipzig geboren. Nach einer Lehre als Buchhändlerin studierte sie Germanistik, Slawistik und Kulturphilosophie. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane 'Die Walfängerin', 'Die Strandräuberin', 'Ein Stern über Sylt', 'Ein Weihnachtslicht über Sylt' und 'Der Horizont der Freiheit' lieferbar. Bei Rütten& Loening ist zudem 'Die Bilder unseres Lebens' erschienen.

Mehr zur Autorin unter www.inesthorn.de.

Erstes Kapitel


Wer die vierundzwanzig Vorfahren der heiligen Brigid von Kildare aufsagen konnte, der war geschützt bei Tag und Nacht, geschützt vor den Nachstellungen des Teufels, geschützt vor irdischen Feinden. So jedenfalls erzählte man es sich auf Eisland.

Jördis kannte nur Mutter und Vater der heiligen Brigid, aber sie war ja auch keine Runenmeisterin wie die Großmutter Etta oder wie ihre verstorbene Mutter Nanna eine gewesen war. Vielleicht passierten ihr deshalb so oft Dinge, die sie eigentlich gar nicht wollte, vielleicht war sie deshalb so wenig geschützt vor irdischen Feinden. Vielleicht aber hatte sie trotzdem Glück, denn schon wieder war sie nicht erwischt worden. Sie war recht müde, denn sie hatte die ganze Nacht unten am Strand verbracht. Dann war sie auf das Wrack geklettert, hatte hernach einen ganzen nassen Stoffballen und zwei kleinere Fässer nach Hause geschleppt. Jetzt hing der Stoff ausgebreitet nebenan in der Scheuer zum Trocknen. In einem der Fässer hatte sie gepökelten Speck gefunden, in dem anderen Fass befand sich mit Holzspänen geschützte Keramik in wundervollen Farben. Sie würden den Stoff später verkaufen, nicht auf dem Markt, sondern unter der Hand und zu günstigen Preisen. Den Speck würden sie aufteilen: Ein Teil würde in die eigene Speisekammer kommen, und die anderen Teile würden sie an die Witwen hier im Dorf verschenken. Nur was sie mit der Keramik machen sollten, das wussten sie noch nicht.

Es war Jördis’ Geburtstag. Sie wurde sechzehn Jahre alt, und die Großmutter würde zum ersten Mal die Runen für sie werfen. Noch nie hatte Jördis so sehnsüchtig die Dämmerung herbei gesehnt. Sie hatte den halben Tag auf einem Dünenkamm gehockt und hatte dem Strandvogt und den Rantumer Männern beim Bergen der Ladung zugeschaut. Am Ufer stapelten sich klatschnasse Stoffballen, daneben lagen Holzbohlen, auf die manch einer der Berger ein Auge geworfen hatte. Aber auf die Bohlen konnten sie lange warten, das wusste Jördis. Es gab Überlebende des Schiffbruchs. Also gehörte denen die Ladung, und die Rantumer mussten sich mit dem Bergelohn zufrieden geben. Dann gab es noch ein, zwei Männer, die um die Ladung herumschlichen und vom Strandvogt immer wieder vertrieben wurden. Der krumme Tamme war unter ihnen. Er war ein Krüppel, nicht fähig, eine anständige Arbeit zu verrichten. Jeder in Rantum wusste, dass er sich mit Strandräubereien über Wasser hielt, doch nur Jördis kannte seine Methode. Er kam, wenn alle weg waren. Dann erklomm er das Wrack und schnitt das Segel ab, kappte die Taue und nahm mit, was nicht angenagelt war. Oft saß er die ganze Nacht am Ufer und wartete darauf, dass Leichen angespült wurden. Denen zog er die Stiefel aus und die Hosen, die Jacken und die Mützen, leerte ihre Hosentaschen, riss ihnen die Goldketten vom Hals und die Messer vom Gürtel. Aber dann, wenn er sie ausgeraubt hatte, begrub er sie ordentlich in den Dünen. Er schaufelte grabgroße Kuhlen, legte die Leichen mit gefalteten Händen hinein, schüttete die Gräber wieder zu und sprach für jeden der Toten ein Gebet. Auch jetzt hielt er sich in der Nähe des Wracks auf, beäugte die Rantumer und merkte sich genau, wer was vom Schiff geborgen hatte. In der Nacht würde er wiederkehren, dann, wenn die Rantumer und der Strandvogt in der Schänke saßen und den Bergelohn versoffen. Jetzt hatte Tamme sie entdeckt und winkte ihr zu. Jördis lächelte und winkte zurück.

Sie drehte sich um und legte sich mit dem Rüc