Kapitel 1
Lancroft Abbey, Tunbridge Wells, Kent,
Frühsommer 1813
Lady Penelope Barnett war glücklich. Der Regen der letzten Tage hatte aufgehört, der scharfe, für die Jahreszeit ungewöhnlich kalte Wind hatte sich gelegt. An diesem Vormittag im Mai schien die Sonne bereits seit dem frühen Morgen und beflügelte nicht nur Penelopes eigene Lebensgeister, auch die Schafe hatten sich aus dem engen Unterschlupf begeben und grasten nun friedlich nebeneinander auf der saftigen Wiese. Manche vollführten so fröhliche Luftsprünge, dass sie sie zum Lachen brachten. Wie schön es hier war! Wie friedlich und beschaulich! Penelope seufzte. Wenn es nach ihr gegangen wäre, dann wäre sie für immer auf Lancroft Abbey geblieben, hätte sich tagsüber um die Tiere ihrer Nachbarin Lady Stonesdale gekümmert und die Abende mit Mutter und Cousine Agatha vor dem offenen Kamin verbracht. Natürlich hatte sie insgeheim stets davon geträumt, dass sich eines Tages, wie durch ein Wunder, ein passender Gentleman auf den Landsitz verirren würde, der sie nicht nur lieben, sondern sich auch noch nahtlos in dieses ländliche Idyll einfügen würde. In ihren Träumen hatte ebenjener Gentleman blondes, volles Haar und ein höchst anziehendes Lächeln, genauso wie ein ganz bestimmter Herr, der sich bei ihrem Debüt in London als alles andere denn ein Gentleman entpuppt hatte. Und an den sie keinesfalls mehr denken wollte.
Die Turmuhr von St. George im nahen Benenden schlug zehn Mal und schreckte Penelope aus den Gedanken auf. Um Himmels willen, sie musste umgehend nach Hause! Für elf Uhr hatte sich James Northbrook angesagt. Mutter war sich sicher, dass er heute nur aus einem einzigen Grund vorsprach, nämlich um ihr, ihrer zweitältesten Tochter die eine, die ganz bewusste Frage zu stellen. Und diese Tochter stand da, am Rande der Weide, und hatte wieder einmal die Zeit völlig vergessen. Die Stiefelchen waren voller Lehm, die Haare zerzaust. Ihr schneller Blick streifte die Hände. Die schwarzen Ränder unter den Fingernägeln sahen alles andere als adrett und damenhaft aus.
Penelope schürzte die Röcke und lief zuMorning Glory hinüber, die unter dem großen Eichenbaum friedlich graste. Mit einem geübten Satz war sie im Sattel und ergriff die Zügel. Hoffentlich würde Mama nichts von ihrem verspäteten Nachhausekommen und ihren verschmutzten Kleidern bemerken! Es war Lady Panswick ohnehin ein Dorn im Auge, dass sie sich jeden Tag in den Ställen und auf den Weidenherumtrieb, wie sie es nannte. Nicht, dass sich Mama eine eitle Tochter gewünscht hätte, deren einzige Interessen schöne Kleider und Tand gewesen wären. Und wegen der sie sich mehrmals die Woche der mühevollen Aufgabe hätte unterziehen müssen, sie als Anstandsdame auf Bälle und Musikabende in Tunbridge Wells zu begleiten. Nein, sie war froh, dass Penelope keinen großen Wert auf gesellschaftliche Veranstaltungen legte. Doch sie hätte sich sicher gewünscht, ihre Zweitälteste würde sich mehr für Haushaltsführung interessieren und endlich die Kissenüberzüge besticken, die für den Grünen Salon so dringend benötigt wurden. Vor allem aber hätte sie sich gewünscht, sie hätte einen der drei Heiratsanträge angenommen, die ihr schon unterbreitet worden waren.
Während das Pferd eine lange Gerade entlanggaloppierte, korrigierte Penelope ihre Gedanken. Zumindest zwei der Gentlemen wären in Mamas Augen als passende Bewerber durchgegangen. Den dritten, einen gewissen Mr Sherman Stottleby, hatte auch sieeinen affektierten Tunichtgut genannt, der nichts anderes konnte, als das Erbe seines Onkels durchzubringen. Penelope hätte, in Erinnerung an diesen Heiratsantrag, beinahe laut losgelacht. Sie musste sich auf die Lippen beißen, um es nicht zu tun. Am Wegesrand hatte sie nämlich einen der Pächter von Lancroft Abbey mit seinen zwei Knechten