: Veneda Mühlenbrink
: Odéonia, Paris Eine Liebe, zwei Buchhändlerinnen und die Welt der Bücherfreunde
: Ulrike Helmer Verlag
: 9783897419841
: 1
: CHF 11.70
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 198
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Paris, 1917. Im Herzen der Stadt begegnen sich zwei passionierte Buchhändlerinnen: Sylvia Beach und Adrienne Monnier. Fast vierzig Jahre lang wird das Paar in der Rue de l`Odéon seine Buchläden betreiben, Sylvia Shakespeare& Company, Adrienne schräg gegenüber das La Maison des Amis des Livres. Ihr Straßenzug, von Adrienne Monnier 'Odéonia' getauft, wird zum Treffpunkt einer regen Literaturszene, in der neben freiheitsliebenden Mäzenatinnen, amerikanischen Autorinnen und Intellektuellen wie Djuna Barnes, Gertrude Stein oder Nathalie Barney auch angehende Schriftsteller verkehren, darunter Ernest Hemingway und Thornton Wilder. An der Rive gauche entsteht eine Gemeinschaft aus Menschen, die als 'Lost Generation' schreibend die Alte Welt verändert, von den Goldenen Zwanzigern über die Weltwirtschaftskrise, dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Nachkriegszeit. Sylvia Beach ist es, die James Joyce's 'Ulysses' verlegt, den sich niemand zu verlegen traute - ihre mutige Tat wird zum grandiosen Erfolg, aber auch zur größten Belastungsprobe für die Beziehung der beiden Frauen. Veneda Mühlenbrink erzählt erstmals in einem Roman die facettenreiche Geschichte dieses Paares nach, so wie sie anhand der historischen Fakten vorstellbar wird.

VENEDA MÜHLENBRINK debutierte 2001 mit dem Roman 'Connys Reise'. Ihr bislang größter Erfolg wurde 'Irgendwo auf der Welt fängt mein Weg zum Himmel an', die Lebensgeschichte einer 98-Jährigen, die über zwei Jahre bis zu ihrem Tod begleitet wurde (Helmer, 2010). Die Autorin lebt nahe Hannover sowie in Berlin. Teile ihres neuen Romans entstanden stilecht im Pariser Café Les Deux Magots ...

1. Kapitel


Erkennst du klar, dass sich alle Dinge verändern, dann wirst du an nichts festhalten wollen.

Laotse

Clovis Monnier, Postbeamter auf der Eisenbahn, zitierte immer wieder gern Heraklit: »Alles was zustande kommt, geht auf Mühe und Notwendigkeit zurück.« Vielleicht hatte er damit allzu häufig die Schicksalsgöttin herausgefordert, bis es ihr schließlich zu bunt geworden war. Vielleicht hatte er diese Worte damals gerade durch seine zum Trichter geformten Hände in den Fahrtwind einer qualmenden Lokomotive gebrüllt, jedenfalls durchschlug irgendwann im November des Jahres 1913 der Nachtzug Lyon–Paris im Kopfbahnhof Gare Montparnasse die Glaswand und kam erst eine Etage tiefer auf der Straße zum Stehen. Der Lokführer hatte zu spät gebremst. Eine Zeitungsverkäuferin verlor ihr Leben, Schienen-Postler Monnier ein Bein. Er nahm die Abfindung von der Eisenbahngesellschaft und überließ die ansehnliche Summe seiner Tochter Adrienne zur Geschäftsgründung eines Buchladens.

Zwei Jahre später war es soweit. Adrienne Monniers Traum von einer eigenen Buchhandlung wurde Wirklichkeit. Die Konkurrenz hielt sich in Grenzen: 1915 herrschte Krieg und selbst Buchhändler, waren sie auch noch so intellektuell, fühlten sich berufen, zu den Waffen zu eilen. Patriotismus hielt plötzlich Einzug in die Bohème, deren Vertreter noch gestern schwadroniert hatten, dies sei der Krieg des Imperialismus, das Ende der Privilegierten. August Macke, Franz Marc, Robert Delaunay, einst in Paris Freunde im künstlerischen Geiste, begegneten sich fortan als Feinde auf dem Feld. In den Cafés am Montmartre, in Montparnasse weigerten sich die Kellner, Deutsche zu bedienen. DieseBoches sollten ihrem pickelhaubigen Kaiser doch in den Dreck der Schlachtfelder folgen!

Adrienne verfolgte die Entwicklungen, doch ihre Aufmerksamkeit war ganz darauf gerichtet, einen leerstehenden Laden mit erschwinglichem Mietzins zu finden. In der Rue de l’Odéon entdeckte sie in einem ehemaligen Antiquitätengeschäft die geeignete Immobilie. ›La Maison des Amis des Livres‹ war geboren – an der Rive Gauche, dem linken Ufer der Seine, wo Schriftsteller, Poeten, Übersetzer und Journalisten bei Weißwein und Austern in Cafés wie dem ›Deux Magots‹ über Literatur, Kunst und Politik debattierten. Adrienne war in dieser Szene bislang nichts als ein unbeschriebenes Blatt, Frau noch dazu.