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Mein Herz raste wie ein Ferrari auf einem Autobahnabschnitt ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Das Atmen fiel mir mit jeder Sekunde schwerer. Mit wackeligen Schritten bewegte ich mich auf das potenzielle Opfer meiner Saufrundenaufgabe zu. Insgeheim betete ich inständig dafür, dass er für eine normale Konversation zu benebelt war. Ich versuchte mich von dem tosenden Blutrauschen in meinen Ohren abzulenken, indem ich den Fremden genauer inspizierte. Er trug schwere Bikerboots, eine dunkle Hose und eine schwarze Lederjacke. Seine rechte Hand hielt ein Glas mit einer braunen Flüssigkeit so fest umklammert, als würde er vom Hocker stürzen, sobald er losließe. Der linke Arm war auf dem Tresen aufgestützt. Den Kopf hielt der Mann gesenkt, so dass sein Gesicht von den fast weißblonden Haaren völlig verdeckt wurde. Ich schaute genauer hin. Seine Haare waren so lang, dass sie ihm in dieser Haltung bis zu den angewinkelten Knien auf dem Barhocker reichten. Wäre sie nicht so strähnig gewesen, hätten meine Begleiterinnen und ich – da war ich mir sicher – umgehend einen Mord für diese Mähne begangen. Gewaschen musste sie einfach der Traum jeder Frau sein. So aber wirkte sie wie der gesamte Rest des Mannes nicht sehr gepflegt. Die Hose war mit Schlammspritzern übersät, und auch die Lederjacke hatte eindeutig schon bessere Tage gesehen. Ein leicht säuerlicher Geruch stieg mir in die Nase, je näher ich an den Unbekannten herantrat. Er hatte eindeutig seit Längerem nicht mehr geduscht. Deshalb ging ich dazu über, nur noch durch den Mund zu atmen.
Danke Mädels, schimpfte ich im Stillen.
Noch ein Schritt, dann stand ich direkt vor dem Fremden.
Und jetzt?
Hilflos drehte ich mich zu meinen Begleiterinnen um, die allesamt noch immer so breit grinsten, dass es einmal um den jeweiligen Kopf ging. Fragend gestikulierte ich ihnen, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte. Während Irina und Maria prustend auf der Theke zusammenklappten, bedeutete mir Nine unmissverständlich, dass ich mich nicht länger rumdrücken und einfach improvisieren sollte. Wie ich sie in diesem Moment verfluchte! Ich schwor mir, wenn sie das nächste Mal eine Ausrede für eins ihrer Horrordates suchte, brauchte sie mit meiner Hilfe garantiert nicht mehr zu rechnen.
„Hallo“, sagte ich unsicher zu dem Fremden und versuchte, mich betont locker mit dem Ellenbogen auf dem Tresen abzustützen. Mir schlotterten die Knie dermaßen, dass alles, was mich aufrecht hielt, willkommen war. „Bist du öfter hier?“
Der Unbekannte gab keinen Mucks von sich. Er schaute nicht mal zu mir auf. Entweder war er taub oder doch so stark betrunken, dass er nichts mehr um sich herum mitbekam.
„Ähm, hallo?“, sagte ich erneut und kam mir immer lächerlicher vor. Um so schnell wie möglich aus dieser Situation herauszukommen, beschloss ich, alle Anmachsprüche über Bord zu werfen und einfach die Wahrheit für sich sprechen zu lassen. „Entschuldigung, ich bin mit meinen Freundinnen hier, und es läuft so eine Art Wette, ob ich es schaffe, dass Sie mir Ihre Telefonnummer ge