Anna reist nach Belgien
Als Anna mit 40 Jahren das zweite Mal heiratete, glaubte sie, es sei nun für alle Ewigkeit. Ihr Mann war ein liebenswerter, kultivierter und intellektueller Mensch, der viel von alten Stichen, noch älteren Büchern und der Malerei aus dem 19. Jahrhundert verstand. Er liebte ein gepflegtes Zuhause, allerdings auch Tiere, vorzugsweise Hunde, was sich dann, zur Freude von Annas Rauhaardackeln, mit einem adretten Heim schlecht vereinbaren ließ.
Sie hatte ihren Zukünftigen durch die Zeitungsannonce ihres 14-jährigen Sohnes kennengelernt, dem die Weiberwirtschaft daheim langsam zum Halse heraushing. Eine nörgelnde Mutter – „Geh mit den Hunden“, „Dusch dich nach dem Sport“, „Du bist alt genug, dein Zimmer selbst aufzuräumen“ oder so, aber für interessante Dinge wie elektrische Geräte reparieren oder mit der Bohrmaschine Löcher für Dübel in die Wand bohren, dafür war er wieder zu jung –, dann zwei nervige jüngere Schwestern, eine energische Oma, zwei bereits genannte Dackeldamen und eine griechische Schildkröte, die, so wie er den Laden kannte, auch ein Weib sein musste, denn als er ihr mal in einem Anfall von Nettigkeit eine Erdbeere reichte, schnappte sie sofort nach seinem Finger … Nee danke! Also hatte er kurz entschlossen per Anzeige eine nette männliche Verstärkung gegen so viel weibliche Übermacht gesucht und einen Treffer mit Zusatzzahl gelandet!
Auch wenn für Anna die Kinder immer an erster Stelle standen, ging ihre Fürsorge doch nicht so weit, dass sie nur zum Wohl ihres Nachwuchses einfachirgendetwas getan hätte – heiraten zum Beispiel.
Sie hatte ihn aus wirklicher Liebe geheiratet, was seine Verwandtschaft allerdings bezweifelte und sie von Stund an schnitt; denn Anna war, wie bereits erwähnt, Autorin heiterer Bücher und in den Augen seines lästigen Familienanhangs eine anarchistische Künstlerin, dazu noch Mutter dreier halbwüchsiger Kinder und Frauchen von zwei frechen Dackeln. Ihr Leben verlief ohne Konventionen – auch etwas chaotisch, zugegeben, und sie war ständig knapp bei Kasse –, um die schönen Dinge des Lebens unbeschwert genießen zu können. Und so hatte sie sich nach Ansicht der Familie ihres Mannes einfach einen gutbetuchten Kerl aus ihrer akademischen Spießbürgerlichkeit geangelt, und das auch noch per Zeitungsannonce. Einfach skandalös!
Nach ihrer Hochzeit gab sie ohne Bedauern ihre stressige Schreiberei auf, mutierte zur Dame und lebte ausschließlich für ihren Mann, ihre Kinder, die Hunde, das Haus, den Garten und die vielen hübschen Dinge, von denen sie zwar oft geträumt hatte, aber ohne wirklich zu wissen, dass diese ihr auch fehlten.
Zwölf wundervolle, glückliche Jahre später war die Ewigkeit bereits zu Ende. Annas Mann starb einen plötzlichen Herztod, ohne ein Testament zu hinterlassen. Seine Verwandten fielen über das Erbe her wie ein Riesenschwarm Heuschrecken, und Anna war zu stolz, um auf ihre rechtmäßigen Ansprüche zu pochen und sich mit einem Haufen Insekten auseinanderzusetzen. Außerdem gehörte sie zu der Sorte Frauen, die trotzig sagen: „Das schaffe ich auch alleine.“
Kurz entschlossen packte sie ihre Siebensachen und die Dackel – ihre Kinder waren bereits ausgeflogen, sei es, um zu studieren, ode