: Egon Krenz, Heinz Rudolf Kunze
: Diether Dehm
: 'Ich will hier nicht das letzte Wort' Heinz Rudolf Kunze und Egon Krenz im Gespräch
: Neues Leben
: 9783355500326
: 1
: CHF 8.90
:
: Gesellschaft
: German
: 160
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der westdeutsche Rocker und der ostdeutsche Staatsmann. Sie trafen sich erstmals in den 80er Jahren, nach einem Konzert in Berlin-Weißensee. Fast drei Jahrzehnte später sahen sie sich erneut, vor einem Konzert in Halle und auf Wunsch von Kunze. Was zunächst wie ein Schwelgen in Erinnerungen und kontroverse Debatte über die Vergangenheit daherkommt, entwickelt sich alsbald zu einer anregenden Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Natürlich haben der Ex-Politiker und der Künstler unterschiedliche Sichten und Erfahrungen, aber gemeinsam ist ihnen die wechselseitige Neugier. Diesem Dialog entnimmt man mehr, als bislang über die beiden bekannt war.

Egon Krenz, geboren 1937, Schlosserlehre und Lehrerausbildung. Nach Besuch der Parteihochschule in Moskau von 1964 bis 1967 wurde er Vorsitzender der Pionierorganisation und war von 1974 bis 1983 FDJ-Chef. Im Herbst 1989 wurde er Nachfolger Erich Honeckers als Generalsekretär des ZK der SED und Staatsratsvorsitzender. 1997 wurde er wegen der Todesschüsse an der deutsch-deutschen Grenze zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Heute lebt er in Dierhagen. Heinz Rudolf Kunze, geboren 1956 in Espelkamp-Mittwald, ist Schriftsteller und Musiker. Er gilt als intellektueller Rockpoet, dem aber auch große kommerzielle Erfolge wie 'Dein ist mein ganzes Herz' gelangen. Daneben veröffentlichte er seit Beginn der 80er Jahre mehrere Bücher und journalistische Essays. Er ist u. a. Träger des Niedersächsischen Staatspreises für sein Lebenswerk und der Goldenen Stimmgabel.

Honecker und Gorbatschow –
was für ein Paar

Kunze Ich will noch einmal auf meine Ausgangsbemerkung zurückkommen: Sie schienen in dieser Gesprächsrunde in der Pistoriusstraße ironisch über Gorbatschow und »die Freunde« zu urteilen.

Krenz An die Ironie kann ich mich nicht erinnern.

Kunze Ich schon.

Krenz An diesem Punkt lohnt sich ein Streit wahrlich nicht. Aber vielleicht sollte ich mal auf das Verhältnis zwischen Berlin und Moskau, zwischen Honecker und Gorbatschow eingehen, warum uns der zweifelhafte Ruf nachgeht, gegen »Perestroika« und »Glasnost« in Gänze gewesen zu sein. Dazu muss ich jedoch ein wenig weiter ausholen. Haben wir die Zeit?

Kunze(schaut auf die Uhr) Aber immer.

Krenz Wir sind uns darüber einig, dass es ohne die Sowjetunion keineDDR gegeben hätte, wie eben auch die Bundesrepublik Deutschland dem Nachkriegskonzept derUSA entsprach. Die Sowjetunion war also sowohl Geburtshelfer derDDR als auch einer ihrer Totengräber. DieDDR ihrerseits war stets ihr zuverlässiger Freund und Bündnispartner. Auch als Gorbatschow im Kreml regierte. Das Gemeinsame hatte immer Vorrang vor den Differenzen, jedenfalls war das unsere Linie. Und darum sage ich: Nicht an Meinungsverschiedenheiten zwischen Honecker und Gorbatschow ist dieDDR zerbrochen. Die außenpolitische Ursache dafür war in erster Linie die Niederlage derUdSSR im Kalten Krieg mit denUSA.

Kunze Auf diese Frage sollten wir später ausführlich zu sprechen kommen. Mich interessiert zunächst die Frage, die Sie selber angeschnitten haben, damals bei diesem Treffen im Sommer ’88.

Krenz Das Verhältnis zwischen Honecker und Gorbatschow war anders belastet, als häufig angenommen wird. Um zu verstehen, was Ende der 80er Jahre zwischen Moskau und Berlin passiert ist, genügen nicht die Vokabeln »Perestroika« und »Glasnost«. Lange bevor diese aufkamen, bestanden zwischen Honecker und Gorbatschow Differenzen in für dieDDR lebenswichtigen Fragen. Sie betrafen die Beziehungen derDDR zur Bundesrepublik im Westen und zur Volksrepublik China im Osten.

Honecker zeigte in beiden Fällen Weitblick, während Gorbatschow notwendige Entwicklungen eher zu bremsen oder gar zu verhindern versuchte. Da blieb er ganz im traditionellen sowjetischen Stil der Einschränkung und Beschneidung der Souveränität der sozialistischen Länder.

Kunze Beschränkungen in der Innen- oder der Außenpolitik der Verbündeten?

Krenz Auf beiden Feldern. Es war aber auf keinen Fall so, wie oft behauptet wird: in Moskau der stürmische Reformer und in Berlin der notorische Dogmatiker, der bremste und sich verweigerte. Dieses Bild ist zwar populär, aber nicht für alle Situationen zutreffend. Die Rollenverteilung war oft eine andere als gemeinhin angenommen. Und: Honecker lernte Gorbatschow als einen Politiker kennen, der sich wiederholt korrigierte und neu interpretierte.

Kunze Was ja a priori nicht schlecht sein muss. Ich finde, dass sich Politiker viel zu selten korrigieren. Manche gelangen erst zu vernünftigen An- und Einsichten, wenn sie bar eines Amtes sind. Ich erinnere an Robert McNamara, der alsUS-Verteidigungsminister Vietnam in die Steinzeit zurückbomben wollte, in seinen Memoiren dreißig Jahre später verurteilte er den von ihm mitgetragenen Krieg als »furchtbaren Irrtum« und engagierte sich für die totale atomare Abrüstung und gegen den Irakkrieg derUSA – gegen den, wenn ich d