Iso Camartin
Augenlust und Sehverbot
Philosophieren können sie alle, sehen keiner.
Georg Christoph Lichtenberg
Was Verbote sind, lernen Kinder schnell, vielleicht am nachhaltigsten aus den Märchen, die sie zu hören bekommen. Man darf nicht die Hand ausstrecken nach allem, was lockt. Man darf nicht alles betreten, wohin Neugierde uns zieht. Es gibt verbotene Kammern, und wer in sie eindringt, kommt zu Schaden. Manchmal darf man auch nicht sprechen, denn es wäre Dritten gegenüber Verrat, obwohl der andere dies nicht begreift. Das erfahren wir zum Beispiel aus MozartsZauberflöte. Verbote schützen etwas, das man noch nicht hinlänglich durchschaut. Darum reizen sie unwiderstehlich zu Missachtung und zu Übertretung. Bedeutet »erwachsen werden« nicht eigentlich, den von anderen auferlegten Verboten zu »entwachsen« und sich ihnen zu entziehen?
In einem katholischen Milieu lernt man früh, dass man auch mit den Augen sündigen kann. Indem man Dinge sieht oder sehen will, die nicht für die eigenen Augen bestimmt sind. Aber gibt es so etwas überhaupt? Ist das sehende Auge nicht vollkommen unschuldig und, was sich als Sichtbares den Augen bietet, nicht absolut wertneutral? Kann man überhaupt etwas Falsches sehen? Denken, erwarten, wünschen kann man viel Falsches. Aber sehen? Man kann ja eigentlich nur hinsehen oder wegschauen. Aus was immer für Gründen. Doch irgendwie spürt man gerade als Halbwüchsiger, dass nicht alles für die eigenen Augen bestimmt zu sein scheint. Sehverbote sind offenbar komplexer als einfache pädagogische Maßnahmen und berühren etwas, das wir mit dem Wort Scham bezeichnen. Verbotenes sehen wollen kann verletzen und beschämen. So unschuldig sind unsere Augen also doch nicht.
OvidsMetamorphosen haben wir am Gymnasium nicht behandelt. Man hat uns mit horazischen Gedichten, ciceronischen Reden und mit der Prosa des Tacitus gefüttert. Ovid war offenbar eine Mischung von heidnischer Vielgötterei und erotischem Weltverständnis, die zu einer Klosterschule nicht passte. Allerdings habe ich diesen Flecken der Unberührtheit und des Unwissens sofort aufgefüllt, als ich in München das Studium der Philosophie begann. Was Metamorphosen sind, hatte unser Deutschlehrer am Gymnasium – Pater Hildefons Peng – an
Goethes Elegie »Die Metamorphose der Pflanzen« erläutert.
Freue dich auch des heutigen Tags! Die heilige Liebe
Strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf,
Gleicher Ansicht der Dinge, damit in harmonischem
Anschaun
Sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt.
Diese Zeilen hatte der Schüler nur halb begriffen und daraus geschlossen, dass es neben dem Studium von Pflanzen und Tieren nicht schaden kann, den Gedanken der Metamorphose auch auf denhomo sapiens anzuwenden, um die Reise in »die höhere Welt« anzutreten. Damit war der Weg zu Ovid gebahnt. SeineMetamorphosen wurden zu einem meiner Wegweiser für die Entdeckung der realen und der imaginierten Welt. Allem voran wurde dieses Buch zur permanenten Ermunterung an die Augen: Schaue hin, wenn du etwas begreifen willst. Selbst wo Sehen verboten ist!
Über Augenlust und Sehverbot sind mir zwei Geschichten in Erinnerung, die sich im Dritten Buch von OvidsMetamorphosen befinden. Die des Jägers Aktäon zunächst, der nach erfolgreicher Jagd in einer Höhle des Waldes zu sehen bekommt, wie die Jagdgöttin Diana von ihren Nymphen am Rand einer Wasserquelle entkleidet wird und nackt in den Quellenteich steigt. Zwar versuchen die ebenfalls nackten Nymphen, die Göttin vor dem Anblick des fremden Mannes zu schützen, aber Diana ist hüllenlos – »posito velamine; der Schleier ist abgelegt« – , und die Rache der Göttin, die den Eindringling nicht