Meine Freundin Betty aus alten Kindertagen und ihr Mann Willy feierten ihr alljährliches Sommerfest im Garten des großen Schweizer Chalets.
Willy war nicht nur ein phantasievoller Maler, sondern auch stolzer französisch sprechender Eidgenosse, und so bestand sein Freundeskreis hauptsächlich aus Leuten, die nur jener Sprache mächtig waren. Gut sechzig Personen waren eingeladen.
Volker und mir bereitete die Sprachbarriere einige Schwierigkeiten, da unsere Schulzeit schon ein verflixtes Bißchen weit zurücklag – um ehrlich zu sein, so an die dreißig Jahre. Deshalb setzte sich unsere Konversation hauptsächlich aus den vielsagenden Wortenoui undnon und heftigem Wedeln mit Armen und Beinen zusammen.
Es war ein rauschendes Fest im Westernstil mit Indianerzelten auf der Wiese und lodernden Lagerfeuern, auf denen Mitgebrachtes gebraten wurde – es war eine sogenannte Mitbringparty, wie sie in den fünfziger Jahren üblich waren, und sie dauerte bis in den frühen Morgen.
Ich war diese Ausschweifungen nicht mehr gewöhnt und konnte mich auch nicht erinnern, wann ich das letzte Mal am nächsten Tag einen solchen Brummschädel hatte, ganz zu schweigen von dem Muskelkater in sämtlichen Gliedern dank der französischen Verständigung.
Himmel, was ging es mir schlecht! Aber das hatte ich nun davon. Warum war ich Volker auch nicht um ein Uhr nachts ins Haus und ins warme Bett gefolgt, sondern hatte bis vier Uhr als Westernheldin verkleidet im Garten, klamm bis auf die Knochen, durchgehalten?
»Einen wunderschönen guten Morgen!« Betty hüpfte die knarrende Holztreppe herunter und umarmte mich. Küßchen links, Küßchen rechts, Küßchen links. O Gott, diese forschfröhliche Stimme!
»Paß auf«, jammerte ich, »ich bin noch nicht einmal richtig rasiert.«
»Mach dir nichts draus, ich muß neuerdings auch immer Stoppeln zupfen. Und solange du keinen Dreitagebart trägst wie mein Mann, stört mich das überhaupt nicht.« Betty lachte, und nach einem Blick in die Runde, rief sie: »Wie ist euch das Fest bekommen?«
Ein doppeltes Stöhnen antwortete ihr. Willy ging es auch nicht ganz extra. Er saß wie ein Häufchen Elend auf einem Hocker an der Balkontür und litt still vor sich hin.
»Also«, sagte seine Frau energisch, »entweder verschwindet ihr beide umgehend nach oben und erscheint erst wieder auf der Bildfläche, wenn ihr ein einigermaßen fröhliches Lächeln zustande bringt, oder ihr reißt euch zusammen und kommt mit Volker und mir an den Frühstückstisch.«
Mühsam erhoben wir uns, der Maler und die Schriftstellerin.
»Wir Künstler sind eben ein sensibles Völkchen«, sagte Willy, ich nickte, »und wir brauchen Zeit, um eine durchsumpfte Nacht einigermaßen zu verarbeiten.«
Betty und Volker grinsten vielsagend, dann ließen wir uns gemeinsam am streublümchengedeckten, umfunktionierten Billardtisch nieder.
Betty hatte an alles gedacht: Obst, Joghurt, Milch, starker Kaffee, aufgebackenes Weißbrot vom Fest und selbstgemachte Marmelade lockten uns ebenso wie ihre herzerfrischende Art, unsere Leiden zu übersehen.
Ich schaute sie über den Tisch hinweg an. Ich glaube, wir beide empfanden es als besonderes Geschenk, zusammen jung gewesen zu sein. Unsere Bindung aneinander stellte jede später geschlossene Freundschaft