EINS
Sie hatte nur eine Stunde, um diesen letzten Beweis zu finden. Sie wusste, was sie suchte, aber sie hatte keine Ahnung, ob und wo sie es finden würde. Aber es musste hier sein. Alle anderen in Frage kommenden Orte hatte sie bereits durchsucht. Dabei waren ihr viele Mosaiksteinchen in die Hände gefallen, die helfen konnten, ihren Verdacht zu erhärten. Aber es waren alles nur Indizien. Was fehlte, waren die Papiere mit der Unterschrift.
Eine Stunde. Die Kanzlei war riesig. Zwei Stockwerke des stattlichen Jugendstilbaus mussten gründlich durchkämmt werden. In den anderen Büros war sie im Laufe der letzten Tage und Wochen schnell fündig geworden. Aber hier war es etwas anderes. Hier herrschten Geheimniskrämerei und Diskretion zum Wohle der betuchten Klienten.
Die Aktenschränke waren abgeschlossen, die Computer der Sekretärinnen mit Kennwörtern gesichert.
Eine Stunde.
Sie ärgerte sich, dass sie sich nicht methodischer auf diesen Augenblick vorbereitet hatte. Wo sollte sie mit der Suche beginnen? Im großen Chefbüro am Ende des Gangs im ersten Stock? Bei den Sachbearbeitern im zweiten? Gab es überhaupt Eingeweihte unter den Angestellten?
Unruhig streifte sie durch die hohen Räume. Die Fenster zur Lichtentaler Allee hatten keine Vorhänge, waren jedoch durch hohe Kastanien abgeschirmt; niemand würde sie von außen entdecken. Das alte Eichenparkett knarrte bei jedem Schritt, aber auch das kümmerte sie nicht. Für diese eine Stunde war sie allein in dem Gebäude. Das hatte sie ausgekundschaftet. Sie wusste, dass die Belegschaft geschlossen bei einem Betriebsessen war. Niemand würde also wie sonst Überstunden machen oder unverhofft am Abend noch einmal hereinschneien. Noch siebenundfünfzig Minuten, dann würde die Putzkolonne auftauchen, und sie musste spurlos verschwunden sein. Danach würde die Alarmanlage scharf gemacht werden und der Wachdienst seine unregelmäßigen Runden drehen.
*
»Die Stille lag wie ein Leichentuch über dem Schwurgerichtssaal.«
War das ein guter Einstieg? Oder war es zu klischeehaft? Lea lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und blickte durch das Fenster ihres Arbeitszimmers über das Tal hinweg zum Merkur, dem Hausberg der Stadt. Die milde Abendsonne tauchte ihn in ein warmes Licht. Wenn sie genau hinsah, konnte sie sogar ein paar Farbtupfer ausmachen, die um den Gipfel schwebten: Gleitschirmflieger, die sich todesmutig, aber elegant durch die Lüfte gleiten ließen. Sie wusste nie, ob sie diese Menschen bewundern oder über ihren Leichtsinn den Kopf schütteln sollte. Schon viermal war sie in diesem Jahr hinzugerufen worden, wenn wieder einer von ihnen verunglückt war. Zwei hatten sich zum Glück nur in den Ästen der mächtigen Bäume verfangen, aber einer war auf entsetzliche Weise auf einen Asphaltweg aufgeprallt, und ein anderer, ein junger sportlicher Bursche, war mit einem gebrochenen Rückenwirbel in die Stadtklinik gebracht worden.
Das Berichten über solche Unfälle ging ihr jedes Mal an die Nieren. Die Bilder und die