: Petra Gerster, Christian Nürnberger
: Stark für das Leben Wege aus dem Erziehungsnotstand
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955303655
: 1
: CHF 3.60
:
: Bildungswesen
: German
: 262
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Sachbuch-Bestseller - jetzt erstmal im eBook! Seit dem PISA-Schock herrscht Panik unter Deutschlands Bildungsexperten. Hektisch werden Lehrpläne entstaubt und Ganztagsschulen versprochen. Der 'Erziehungsnotstand' ist endlich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Doch was genau soll geschehen? Überall lautet die Antwort: Deutsche Schüler müssen mehr leisten, ihre 'Lesekompetenz' erweitern und ihr 'Weltwissen' vervollständigen. Die Forderung nach mehr Leistung und Wissen darf aber nicht die einzige Reaktion auf den Notstand sein - genauso wichtig ist eine Erziehung, die Persönlichkeit und Charakter in den Mittelpunkt stellt!

Petra Gerster, geb. 25. Januar 1955 in Worms. Die Tochter eines Arztes war während ihrer Schulzeit am humanistischen Rudi-Stephan-Gymnasium in Worms politisch aktiv: Sie kämpfte für mehr Mitbestimmung an ihrer Schule und erreichte beispielsweise die Teilnahme der Schüler an Notenkonferenzen. Nach dem Abitur 1973 studierte sie unter anderem als Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes Literaturwissenschaft, Germanistik und Slawistik an der Universität Konstanz, sowie in den USA und in Paris. Danach absolvierte sie ein Volontariat beim Kölner Stadtanzeiger. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden. Nach ersten beruflichen Erfahrungen im Fernsehen beim WDR und beim BR übernahm Petra Gerster 1989 die Moderation des Magazins ML Mona Lisa im ZDF. Diese Aufgabe nahm sie zehn Jahre lang wahr und erhielt dafür unter anderem 1996 den Hanns-Joachim-Friedrichs-Prei . Seit dem 15. August 1998 ist sie als Hauptmoderatorin im Studio in der Hauptausgabe der heute-Nachrichten um 19 Uhr zu sehen.

UNSER MANN FÜRS KATZENKLO


Es war irgendein Tag im September des Jahres 2002, das Datum haben wir schon wieder vergessen, aber das damit verbundene Ereignis nicht: Unser neunjähriger Sohn Moritz hatte seinen ersten richtigen Aufsatz in der Schule geschrieben, ganz ohne unsere Hilfe, und an diesem Tag kam er mit dem benoteten Aufsatz nach Hause.

Nun könnte man denken: Der Vater ein Schreiberling, die Mutter eine schreibende Moderatorin, da werden die beiden doch wohl ein bisschen Sprachgefühl an ihre Kinder vererbt haben.

Das hatten wir zunächst auch geglaubt. Bei unserer Tochter Livia schien alles nach Plan zu laufen. Für sie war Deutsch nie ein Problem, und wir hielten das für selbstverständlich.

Bis unser Sohn in die Schule kam. Das Einzige, was er einigermaßen gut konnte, war lesen, doch dieses Talent beschränkte sich aufs Videospielen mit «SuperMario». Um dort vorwärts zu kommen, war es nötig, ab und zu die Tipps auf hübschen Täfelchen zu lesen, die im Verlauf des Spiels immer wieder auf dem Bildschirm auftauchten. Also war es ungeheuer wichtig, lesen zu lernen – das blieb aber der einzige positive Effekt von «SuperMario».

Außer den Täfelchen wollte er nichts lesen, schon gar keine Bücher. Geschichten hörte er sich zwar gerne an, aber nacherzählen wollte er sie nicht, nicht mündlich, erst recht nicht schriftlich. Fernsehen wollte er stattdessen. Seine Rechtschreibung war anfangs miserabel und bessert sich seitdem nur langsam. Seiner Hausaufgaben entledigt er sich innerhalb von zehn Minuten, und so sehen sie auch aus. Dass er in der Schule nichts auf die Reihe kriegte, haben wir schon in unserem ersten Buch beschrieben. Es wurde besser, nachdem wir die Videospielkonsole auf den Speicher verbannten. Aber Moritz blieb unser Sorgenkind, entwickelte sich nicht so problemlos wie seine Schwester.

Wir vermuteten, er leide unter den Folgen eines frühkindlichen Traumas. Als er noch keine zwei Jahre alt war, hatte seine Mutter sich einem lebensgefährlichen chirurgischen Eingriff unterziehen müssen. So verschwand sie von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben. In den drei Monaten, die sie im Krankenhaus verbrachte, wurde Moritz in der Verwandtschaft herumgereicht, bekam seine Mutter erst nach Wochen nur einige Male im Krankenhaus zu sehen. Und da erkannte er sie nicht wieder. Sie lag in einem Gipsbett, konnte sich nicht rühren, war von der Operation gezeichnet.

Dann kam die Mutter nach Hause, aber verhielt sich nicht so, wie eine Mutter sich normalerweise verhält – wenn zum Beispiel ein Baby die Ärmchen ausstreckt, um aus seinem Bett gehoben zu werden. Moritz’ Mutter durfte ihr Kind nicht heben.

Ein paar Wochen später war sie wieder weg, musste in die Rehaklinik. Als sie zurückkehrte, lehnte Moritz seine Mutter ab, wollte nicht mehr zu ihr, war ganz auf den Vater fixiert, mindestens ein Jahr lang.

In der Folgezeit wirkte Moritz im Vergleich zu Gleichaltrigen in seiner Entwicklung zurückgeblieben. Er fing erst spät an zu sprechen, machte bis kurz vor der Einschulung noch viele Grammatikfehler.

Was sollten wir tun? Wir kümmerten uns sehr um ihn. Wir versuchten, so gut wir konnten, herauszufinden, was ihn wohl gerade interessieren könnte, und wollten dieses Interesse nach Kräften fördern.

So erzählten wir ihm von Dinosauriern, als er sich für Dinos interessierte, lasen ihm aus Dinosaurierbüchern vor, ließen ihn Dinosaurierfilme sehen, zeigten ihm das Dino-Skelett im Frankfurter Senckenberg-Museum. Das gleiche Programm wurde abgespult, als er sich für Ritter interessierte, dann für Reptilien, Fische, Schlangen, Frösche, Kaulquappen. Wir pflanzten Schilf im Gartenteich, setzten Goldfische hinein, Wasserschnecken, Süßwassermuscheln, Kaulquappen und beobachteten das Leben in diesem kleinen Teich.

Einerseits wollten wir für unser Kind eine anregende Umgebung