: Victoria Holt
: Der indische Fächer
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955305062
: 1
: CHF 4.50
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: Erzählende Literatur
: German
: 400
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der prächtige, mit Edelsteinen besetzte indische Pfauenfederfächer soll, so heißt es, Unglück über seine Besitzerinnen bringen. Dass durchaus etwas Wahres an der Geschichte ist, muss auch die junge Engländerin Lady Lavinia erfahren, die 1857 bei Unruhen in Indien auf grausame Weise ums Leben kommt. Ihre Freundin und Begleiterin, die nicht besonders attraktive, jedoch hoch intelligente Pfarrerstochter Deborah, erbt den blutbefleckten Fächer von Lady Lavinia. Sie will den unheilvollen Bann brechen - und ist entschlossen, das Schicksal herauszufordern ... Victoria Holt, die Meistererzählerin des Unheimlichen, verbindet in diesem aufregenden Roman ein Höchstmaß an Spannung mit einer romantischen Handlung, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.

ENGLAND UND FRANKREICH


Das große Haus


Das große Haus Framling hatte schon immer eine starke Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Vielleicht begann es damit, daß ich mit zwei Jahren von Fabian Framling entführt und zwei Wochen dort festgehalten worden war. Daß das Haus voller Schatten und Geheimnisse steckte, erfuhr ich später, als ich den Pfauenfederfächer entdeckte. In den langen Huren, auf der Galerie, in den stillen Räumen schien einen die Vergangenheit aus allen Winkeln anzugrinsen, als wolle sie sich heimtückisch der Gegenwart bemächtigen, um sie auszulöschen, was ihr allerdings niemals vollends gelang.

Solange ich zurückdenken kann, hatte Lady Harriet Framlingüber unser Dorf geherrscht. Die Landarbeiter, die respektvoll an den Straßenrand traten, wenn die Kutsche mit dem majestätischen Wappen der Familie vorüberrollte, berührten grüßend die Stirn, und die Frauen versanken in einen ehrerbietigen Knicks. Sie sprachen im Flüsterton von ihr, als fürchteten sie, ihren Namen zu beschmutzen. In meinem kindlichen Gemüt kam sie der Königin gleich und hatte nur Gottüber sich. Kein Wunder, daß ich, als ihr Sohn Fabian mir befahl, seine Sklavin zu sein– ich war damals erst sechs Jahre alt–, nicht widersprach. Es schien nur natürlich, daß wir Leute von niederem Stande dem großen Haus auf jede Weise dienten.

Das große Haus– allgemein»das Haus« genannt, als seien die Behausungen, die wirübrigen bewohnten, etwas anderes– hieß Framling; nicht Framling Hall oder Framling Manor, sondern schlicht Framling. Es war seit hundert Jahren im Besitz dieser Familie. Lady Harriet hatte sich gnädig herabgelassen, in die Familie einzuheiraten, war sie doch die Tochter eines Grafen. Das durfte man niemals vergessen; sie hatte wahrhaftig unter ihrem Stande geheiratet, als sie die Gemahlin eines bloßen Barons wurde. Er war längst tot, derÄrmste, aber ich hörte erzählen, daß sie ihn stets an ihren höheren Rang erinnert hatte, und obwohl sie erst als Braut ins Dorf gekommen war, hielt sie es seitdem für ihre Pflicht,über uns zu herrschen.

Die Ehe war jahrelang unfruchtbar geblieben– sehr zum Leidwesen Lady Harriets. Ich nehme an, sie beklagte sich unentwegt bei Gott dem Allmächtigen bitterlichüber ein solches Versehen; doch selbst der Himmel konnte Lady Harriet nicht ewigübergehen, und mit vierzig Jahren, fünfzehn Jahre nach ihrem Hochzeitstag, schenkte sie Fabian das Leben.

Ihre Freude war grenzenlos. Sie betete den Knaben an. Es war nur logisch, daßihr Sohn vollkommen war. Allen seinen Launen mußten die Bediensteten stattgeben, und die Dienerschaft der Framlings verbreitete, daß Lady Harriet nachsichtigüber jede kindliche Missetat lächelte.

Vier Jahre nach Fabian wurde Lavinia geboren. Obwohl sie als Mädchen ihrem Bruder im Range etwas nachstand, war sie als Lady Harriets Tochter dem Rest der Gemeinde weitüberlegen. Es amüsierte mich stets, Lady Harriet die Kirche betreten und durch den Mittelgang schreiten zu sehen, gefolgt von Fabian, hinter dem wiederum Lavinia ging. Ehrfürchtig beobachtet, nahmen sie ihre Plätze ein und knieten auf den rotschwarzen, mit dem Buchstaben bestickten Polstern nieder; und die Leute hinter ihnen durften Zeugen des erstaunlichen Schauspiels sein, wie Lady Harriet vor einer höheren Macht kniete– ein Erlebnis, das alles wettmachte, woran es dem Gottesdienst ansonsten mangeln mochte.

Ich starrte die drei verwundert an und vergaß, daß ich in der Kirche kniete, bis ich mich, durch einen Stups von Polly Green ermahnt, auf die Andacht besann.

Das Haus Framling beherrschte das Dorf. Es warüber den Häusern auf einem sanften Hang errichtet, so daß es einem das Gefühl gab, es stehe Wache und achte auf jegliche Sünde, die wir begehen mochten. Schon zu Zeiten Wilhelms des Eroberers hatte dort ein Gebäude gestanden, das allerdings im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgebaut wurde, so daß von dem Bau aus der Vor-Tudor-Zeit fast nichts mehr geblieben war. An einem Pförtnerhaus mit Zinnentürmen vorbei gelangte man in einen Innenhof, wo Pflanzen zwischen dem Mauerwerk wuchsen und Sträucher in künstlerischerÜppigkeit in reifengefaßten Kübeln wucherten. In diesem Hof standen Bänke, auf die bleigefaßte Fenster herabblickten– dunkel und geheimnisvoll. Ich bildete mir immer ein, daß hinter diesen Fenstern jemand lauerte und Lady Harriet alles berichtete.

Durch eine schwer beschlagene Tür trat man in einen Bankettsaal, an dessen Wänden die Porträts etlicher längst verblichener Framlings hingen– einige blickten grimmig drein, andere gütig. Die Decke war hoch und gewölbt; der lange, blankpolierte Tisch roch nach Bienenwachs und Terpentin.Über dem großen Kamin verzweigte sich der Familienstammbaum in alle Richtungen. Am einen Ende des Saales führte eine Treppe zur Kapelle, und am anderen Ende befand sich die Tür zum Altar.

Im zarten Kindesalter schien es mir, daß wir im Dorf wie Planeten um die strahlende Sonne namens Framling kreisten.

Unser Haus gleich neben der Kirche war weitläufig und zugig; ich hatte oft sagen hören, es zu heizen koste ein Vermögen. Verglichen mit Framling war es freilich winzig. Obwohl im Wohnzimmer ein großes Feuer brannte und es in der Küche schön warm war, glich im Winter der Gang zu den oberen Räumlichkeiten in meiner Vorstellung einer Expedition zum nördlichen Polarkreis. Mein Vater merkte nich