: Victoria Holt
: Die Lady und der Dämon
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955305031
: 1
: CHF 4.50
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: Erzählende Literatur
: German
: 384
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kate, Tochter eines englischen Malers, hat das Talent ihres Vaters geerbt und feiert in Frankreich künstlerische Erfolge. Als ihr Förderer, ein französischer Baron, aus selbstsüchtigen Gründen ihre Liebesheirat verhindert, lernt Kate die rauen und wenig erfreulichen Seiten des Lebens kennen. In den Wirren der preußischen Belagerung von Paris fasst sie den Entschluß, ihr Schicksal noch einmal mutig herauszufordern ... Virtuos mixt Victoria Holt die Zutaten für diesen großangelegten Spannungsroman im historischen Gewand: Romantik und Spannung, Liebe und Hass, Leben und Tod bilden die Pole dieses aufregenden Romans von der unbeirrbaren Liebe einer jungen Künstlerin!

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.

Einladung ins Schloß


An einem heißen Junitag gestand mir mein Vater das Geheimnis, das unser beider Leben gänzlich verändern sollte. Nie werde ich mein Entsetzen darüber vergessen. Die Sonne brannte an dem Tag unbarmherzig. Mein Vater schien innerhalb weniger Minuten um Jahre gealtert, und als er mir seinen Blick zuwandte, las ich in seinen Augen Verzweiflung. Jetzt gab es keine Heimlichtuerei mehr. Er wußte, daß er seine Tragödie nicht länger vor mir verbergen konnte.

Selbstverständlich war ich diejenige, die es als erste erfuhr. Ich stand ihm näher als sonst ein Mensch– näher selbst als meine Mutter zu ihren Lebzeiten. Ich war mit allen seinen Stimmungen vertraut: Ich kannte den Triumph des schaffenden Künstlers, sein Ringen, seine Enttäuschungen; denn im Atelier verwandelte sich der sanfte, umgängliche Mann in einen anderen Menschen. Dort verbrachte er die meiste Zeit. Hier spielte sich sein Leben ab. Schon als Fünfjähriger hatte er in diesem Haus, das den Collisons seit hundert Jahren als Wohnsitz diente, seinem Vater bei der Arbeit im Atelier zugesehen. In der Familie erzählte man sich, daß man ihn als vierjährigen Knirps einmal vermißte, bis ihn sein Kindermädchen hier gefunden hatte, wo er mit einem der feinsten Haarpinsel seines Vaters auf einem Stück Pergament malte.

Die Collisons hatten in der Welt der Kunst einen guten Namen. Ihre Miniaturen waren in ganz Europa berühmt, und es gab keine Sammlung von Rang, die nicht wenigstens einen Collison enthielt.

Die Miniaturmalerei war Tradition in unserer Familie. Mein Vater behauptete, das Talent habe sich durch die Generationen vererbt, und um ein großer Maler zu werden, müsse man in der Wiege beginnen. So war es jedenfalls bei den Collisons. Seit dem 17. Jahrhundert malten sie Miniaturen. Ein Vorfahre war Schüler von Isaac Oliver gewesen, der wiederum Schüler keines Geringeren als des berühmten elisabethanischen Miniaturmalers Nicolas Hilliard war.

Bis hin zu meiner Generation hatte stets ein Sohn die Nachfolge seines Vaters angetreten und so nicht nur die Tradition, sondern auch den Namen fortgeführt. Mein Vater aber hatte lediglich eine Tochter– mich.

Das mußte für ihn eine große Enttäuschung gewesen sein, wenngleich er es niemals aussprach. Außerhalb des Ateliers war er ein sehr sanfter Mensch, der stets Rücksicht auf die Gefühle anderer nahm; er sprach ziemlich langsam und wägte seine Worte ab, stets ihrer Wirkung auf andere bedacht. Wenn er arbeitete, war das allerdings anders. Dann schien er völlig besessen: Er vergaß Mahlzeiten, Verabredungen, Verpflichtungen. Zuweilen hatte ich den Eindruck, daß er nur deshalb so fieberhaft arbeitete, weil er sich als den letzten Collison sah. Allmählich erkannte er jedoch, daß dies nicht unbedingt der Fall sein müßte, denn auch ich hatte die Faszination des Pinsels, des Pergaments und des Elfenbeins entdeckt. Ich war entschlossen, die Familientradition fortzuführen, und wollte meinem Vater beweisen, daß eine Tochter nicht minderwertig, sondern ebenso fähig war wie ein Sohn. Das war einer der Gründe, weshalb ich mich mit Begeisterung der Malerei verschrieb. Der andere, weit wichtigere Grund war der, daß ich– ungeachtet meines Geschlechts– das Talent für die subtile Portraitmalerei geerbt hatte. Ich besaß den inneren Antrieb– und war so vermessen anzunehmen, auch die Begabung–, um mit jedem meiner Vorfahren zu wetteifern.

Mein Vater war damals Ende Vierzig, doch seine klaren blauen Augen und sein stets zerzaustes Haar ließen ihn jünger erscheinen. Er war groß– ich hatte gehört, daß man ihn als aufgeschossen bezeichnete– und sehr schlank, wodurch er eine Spur linkisch wirkte. Ich glaube, die Leute warenüberrascht, daß dieser recht unbeholfene Mann so delikate Miniaturen schaffen konnte.

Sein Vorname war Kendal; das war Familientradition. Vor langer Zeit hatte ein Mädchen aus dem Seengebiet in die Familie eingeheiratet, und dieser Name war der ihres Geburtsorts. Ferner war es Tradition, daß die Vornamen aller Männer mit Kanfingen, und die Initialen K. C.– so klein in eine Ecke geritzt, daß sie kaum sichtbar waren– waren das Kennzeichen der berühmten Miniaturen. Es hatte oftmals Verwirrung gegeben, welcher der Collisons ein Bild gemalt hatte, und häufig hatte man das Entstehungsdatum erst aus der Wirkungsperiode des Dargestellten herleiten können.

Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr war mein Vater unverheiratet. Er gehörte zu den Menschen, die alles beiseite schieben, was sie von ihrer Arbeit ablenken könnte. Das galt auch für die Ehe, obwohl er sich, einem Monarchenähnlich, seiner Pflicht bewußt war, den Erben zu zeugen, der die Familientradition fortführte.

Erst als er zum Wohnsitz des Grafen von Langston in Gloucestershire kam, fühlte er den Wunsch zu heiraten, und das nicht nur als bloßes Pflichtbewußtsein gegenüber der Familie. Der Graf hatte ihn beauftragt, Miniaturen von der Gräfin nebst ihren beiden Töchtern Lady Jane und Lady Katherine– genannt Lady Kitty– zu malen, und Vaters Meinung nach war die Miniatur von Lady Kitty das beste Bildnis, das er je geschaffen hatte.»Ich habe es mit Liebe gemalt«, bemerkte er in seiner sentimentalen Art.

Es war Liebe mit einem romantischen Ausgang obwohl der Graf mit seiner Tochter natürlich anderes im Sinn gehabt hatte. Er war kein sonderlicher Kunstkenner; er wollte lediglich eine Collison– Miniatur, weil er gehört hatte, da&s