Das Haus in Bloomsbury
Mit siebzehn Jahren hatte ich das wohl ungewöhnlichste Erlebnis, das einer jungen Frau zustoßen kann. Es verschaffte mir Einblick in eine Welt, die allem widersprach, was ich meiner Erziehung gemäß hätte erwarten können. Von da an hat sich mein Leben grundlegend geändert.
Ich hatte stets den Eindruck, meine Eltern müßten mich in einem Augenblick der Geistesabwesenheit gezeugt haben. Ich konnte mir ihr Erstaunen, ihre Verblüffung, ja Bestürzung vorstellen, als die Anzeichen meiner bevorstehenden Ankunft offenbar wurden. Ich erinnere mich, wie ich einmal, als ich noch ganz klein und der Aufsicht meines Kindermädchens vorübergehend entschlüpft war, meinem Vater auf der Treppe begegnete. Wir sahen uns so selten, daß wir uns bei diesem Anlaß wie Fremde gegenüberstanden. Er hatte seine Brille auf die Stirn geschoben und zog sie nun herunter, um dieses fremde Wesen, das sich da in seine Welt verirrt hatte, näher in Augenschein zu nehmen, so als suche er sich zu entsinnen, was das sei. Dann trat meine Mutter in Erscheinung; sie erkannte mich offenbar sogleich, denn sie sagte:»Ach, das Kind. Wo ist das Kindermädchen?«
Ich wurde schleunigst auf zwei vertraute Arme gehoben und fortgeschafft; und als wir außer Hörweite waren, vernahm ich Gemurmel:»Unnatürliche Bande. Mach dir nichts draus. Du hast deine gute alte Nanny, die hat dich lieb.«
Das wußte ich, und ich war zufrieden; denn neben meiner guten alten Nanny hatte ich den Butler Mr. Dolland, die Köchin Mrs. Harlow, das Stubenmädchen Dot und das Dienstmädchen Meg, dazu Emily, die Hausmagd. Und später Felicity Wills.
In unserem Haus gab es zwei getrennte Bereiche, und ich wußte, zu welchem ich gehörte. Es war ein großes Haus an einem Platz im Londoner Bezirk Bloomsbury. Es war zu unserem Wohnsitz erkoren worden, weil es in der Nähe des Britischen Museums lag,über das man im Erdgeschoß immer mit solcher Ehrfurcht sprach, daß ich, als ich zum erstenmal für alt genug befunden wurde, durch seine geheiligten Pforten zu treten, eine himmlische Stimme zu vernehmen erwartete, die mir befahl, meine Schuhe auszuziehen; denn dort, wo ich stünde, sei heiliger Boden.
Mein Vater, Professor Cranleigh, leitete dieägyptische Abteilung dieses Museums. Er war eine Kapazität auf dem Gebiet Altägypten und besonders der Hieroglyphen. Und meine Mutter lebte durchaus nicht in seinem Schatten. Sie nahm teil an seiner Arbeit, begleitete ihn auf seinen häufigen Vortragsreisen und war Verfasserin eines beachtlichen Buches mit dem TitelDie Bedeutung des Steins von Rosette, das Seite an Seite mit dem halben Dutzend Büchern meines Vaters in einem Raum neben seinem Arbeitszimmer, der Bibliothek, einen Ehrenplatz einnahm.
Sie hatten mich Rosetta genannt, und das war eine große Ehre. Es verknüpfte mich mit ihrer Arbeit, was mir das Gefühl gab, daß sie zu irgendeiner Zeit etwas für mich empfunden haben mußten. Das erste, was ich sehen wollte, als Felicity Wills mich ins Museum mitnahm, war dieser alte Stein. Ich betrachtete ihn staunend und hörte hingerissen zu, als sie mir erzählte, daß die seltsamen Zeichen den Schlüssel zur Entzifferung der Schriften der altenÄgypter darstellten. Ich konnte den Blick nicht von der Basalttafel wenden, die für meine Eltern von solcher Wichtigkeit war, aber was ihr in meinen Augen wirkliche Bedeutung verlieh, war der Umstand, daß sie fast denselben Namen trug wie ich.
Als ich etwa fünf Jahre alt war, befanden meine Eltern, ich müsse eine Schulbildung erhalten. Die Aussicht auf eine Gouvernante rief in unserem Bereich des Hauses eine gewisse Beklommenheit hervor.
»Gouvernanten«, verkündete Mrs. Harlow, als wir alle am Küchentisch saßen,»sind komische Geschöpfe. Weder Fisch noch Fleisch.«
»Nein«, warf ich ein,»das sind richtige Damen.«
»Kann schon sein«, fuhr Mrs. Harlow fort,»zu fein für uns, nicht fein genug für die.« Sie zeigte an die Decke, um anzudeuten, daß sie die oberen Regionen des Hauses meinte.»Hier unten spielen sie sich mächtig auf, und oben tun sie lammfromm. Tja, komische Geschöpfe, diese Gouvernanten.«
»Ich habe gehört«, sagte Mr. Dolland,»sie soll die Nichte von irgendeinem Professor sein.«
Mr. Dolland schnappte sämtliche Neuigkeiten auf. Er war»pfiffig wie‚ne Wagenladung Affen«, wie Mrs. Harlow sich ausdrückte. Dot hatte ihre eigenen Quellen, die sich ihr auftaten, wenn sie bei Tisch bediente.»Das ist dieser Professor Wills«, sagte sie.»Sie waren zusammen auf der Universität, aber dann hat er was anderes gemacht, Naturwissenschaften oder so was. Der hat‚ne Nichte, und sie suchen eine Stellung für sie. Sieht ganz so aus, als kriegten wir Professor Wills’ Nichte ins Haus.«
»Ob die schlau ist?« fragte ich bang.
»Oberschlau, wenn du mich fragst«, sagte Mrs. Harlow.
»Daß die mir ja nicht im Kinderzimmer dreinredet, das lass’ ich mir nicht bieten«, verkündete Nanny Pollock.
»Dafür ist sie sich bestimmt zu fein. Die läßt sich ihr Essen aufs Zimmer bringen. Das heißt, du mußt immer mit’nem Tablett die Treppe rauf, Dot. Oder du, Meg. Ich kann euch sagen, wir kriegen’ne richtige Madam ins Haus.«
»Ich will nicht, daß die herkommt