: Victoria Holt
: Geheimnis einer Nachtigall
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955304973
: 1
: CHF 4.50
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: Erzählende Literatur
: German
: 432
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Jung und unerfahren ist Susanna Pleydell, als sie Aubrey St. Claire heiratet. Während der Flitterwochen verlebt sie glückliche Stunden mit ihm. Doch bald muss Susanna erkennen, dass hinter Aubreys zärtlichem Benehmen dunkle Abgründe lauern und dass er dem dämonischen Dr. Damien erlegen ist. Als ihr einziges Kind unter rätselhaften Umständen ums Leben kommt, schwört sie dem teuflischen Arzt glühende Rache ... Victoria Holt, die Meistererzählerin des Unheimlichen, verbindet in diesem aufregenden Roman ein Höchstmaß an Spannung mit einer romantischen Handlung, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.

Die Hochzeit


In der Nacht vor meiner Hochzeit hatte ich einen merkwürdigen Traum, aus dem ich mit Schrecken erwachte. Ich war in der Kirche, Aubrey war neben mir. Blumenduft hing schwer in der Luft: Lilien, der lastende,überwältigende Geruch des Todes. Onkel James– Hochwürden James Sandown– stand vor uns. Es war dieselbe Kirche, die mir in meiner Internatszeit so vertraut geworden war, als ich in den Ferien bei Onkel James und Tante Grace im Pfarrhaus lebte, weil ich nicht bei meinem Vater bleiben konnte, der in Indien stationiert war. Ich hörte meine Stimme, körperlos, als hallte sie in einem leeren Raum:»Ich, Susanna, nehme dich, Aubrey, zu meinem Ehemann ...« Aubrey hielt den Ring. Er nahm meine Hand, sein Gesicht kam näher und näher ... und dann ergriff mich Entsetzen. Es war nicht Aubreys Gesicht und doch seins. Es war verzerrt– lauernd, fremd, grauenhaft. Ich hörte eine Stimme schreien:»Nein! Nein!« Es war meine eigene.

Dann saß ich zitternd im Bett, umklammerte mit feuchten Händen das Laken und starrte in die Dunkelheit. Der Traum war so lebhaft gewesen, daß es eine Weile dauerte, bis ich wieder ganz zu mir kam. Alles Unsinn, redete ich mir ein. Ich werde morgen heiraten. Ichwollte heiraten. Ich liebte Aubrey. Was konnte diesen Traum ausgelöst haben?»Am Abend vor der Hochzeit ist man nun mal nervös«, hätte Tante Grace, eineüberaus praktische Frau, mit Recht gesagt. Ich versuchte, den Traum zu vergessen, aber es wollte mir nicht gelingen. Ich stieg aus dem Bett und trat ans Fenster. Da stand die Kirche mit ihrem romanischen Turm im Sternenlicht, wie sie es seit 800 Jahren getan hatte: uneinnehmbar, Wind, Regen und den Jahrhunderten trotzend und von vielen Besuchern bewundert, Onkel James’ ganzer Stolz.»Es ist ein Privileg, in so einer Kirche getraut zu werden«, sagte er.

Morgen würde mein Vater mich durch den Mittelgang führen, und dann würde ich vorn neben Aubrey stehen. Aber es würde nicht so sein wie in dem Traum.

Ich trat an meinen Schrank und betrachtete mein Hochzeitskleid. Es war aus weißem, mit Spitze besetztem Satin. Dazu gehörte ein Kranz aus Orangenblüten.

Hinter der Kirche, im Gasthof zum Schwarzen Eber, schlief Aubrey.»Ein Bräutigam darf diese Nacht nicht unter demselben Dach wie seine Braut verbringen«, sagte Tante Grace. Ob auch ihn Träume vom kommenden Tag plagten?

Ich ging wieder ins Bett. Ich wollte nicht schlafen, aus Angst, von dem Augenblick an weiterzuträumen, in dem ich»Nein! Nein!« gerufen hatte, während Aubrey mir mit Gewalt den Ringüber den Finger streifte.

Ich lag im Bett und dachte noch einmalüber alles nach.

Ich hatte Aubrey in Indien kennengelernt, wo mein Vater Dienst tat. Ich war seit kurzem wieder bei ihm, nachdem ich sechs Jahre in England zur Schule gegangen war und die Ferien bei Onkel James und Tante Grace im Pfarrhaus verbracht hatte. Die beiden waren großzügig in die Bresche gesprungen und hatten sich der Tochter des Schwagers angenommen, die wie alle jungen Damen aus guter Familie natürlich in England erzogen werden mußte.

Ich freute mich auf meinen 17. Geburtstag. Es war Juni, und ich befand mich im letzten Schuljahr. Im August sollte ich nach Indien zurückkehren, wo ich die ersten zehn Lebensjahre verbracht hatte.

Vielleicht war es undankbar von mir, mich so auf die Abreise zu freuen, aber sicher ist es verständlich, daß ich zu meinem Vater zurückwollte. Onkel James, Tante Grace und Cousine Ellen waren sehr lieb zu mir gewesen und hatten alles getan, damit ich mich bei ihnen heimisch fühlte, auch wenn ich ihnen anfangs wohl etwas lästig war. Ich drängte mich in ihr Leben, und sie hatten zur Genüge mit den Angelegenheiten der Pfarrei zu tun. Cousine Ellen war zwölf Jahreälter als ich und in den Vikar verliebt, den sie zu heiraten gedachte, sobald er eine eigene Pfarre fand. Onkel James hatte seine Herde anhänglicher Pfarrkinder, und Tante Grace mußte zahllose Veranstaltungen organisieren: Basare, Gartenfeste, die Auftritte der Weihnachtssänger und vieles mehr. Mein Herz weilte in Indien, und weil ich wohl fühlte, daß ich eine Last war, wurde ich arrogant und stellte kritische Vergleiche an zwischen dem alten, zugigen Pfarrhaus mit einer einzigen Köchin, nur einer Zofe sowie einem Hausmädchen und der Residenz eines Colonels mit zahlreichen einheimischen Dienstboten, die eilends umherhuschten, um unsere Wünsche zu erfüllen.

Ich war nicht gerade ein fügsames Kind, und meine Kinderfrau, die man in Indien Aja nannte, sowie meine Gouvernannte Mrs. Fearnley pflegten zu sagen, man wisse nie, wie ich mich verhalten würde. Mein Naturell hatte zwei Seiten. So war ich durchaus von sonnigem Gemüt, lieb und anhänglich.»Wie der Mond«, sagte Mrs. Fearnley, die für alles einen nützlichen Ve