Prolog
Shining Stone und ihre Tochter Bird
Pequot-Territorium am Massapoag nahe dem
Fluss Konektikut, Sommer 1637
Shining Stone richtete sich blinzelnd auf und reckte sich. Es war so heiß auf der Wiese, dass ihr allmählich der Schweiß in die Augen lief. Nach einem dritten langen Tag des Kräutersammelns war sie erschöpft. Sie hätten sich bereits gestern auf den Heimweg machen sollen, doch die sonnigen Tage und abendlichen Regenschauer hatten die Schafgarben wuchern lassen und sieüppig mit heilenden Blüten bestückt. Sie wollte so viele pflücken, wie sie tragen konnte. Wie sie beide tragen konnten. Ihre Tochter Bird, inzwischen zwölf Sommer alt und fast eine Frau, hatte den Ausflug zusammen mit ihr unternommen. Bird war schon oft mit Shining Stone unterwegs gewesen, sogar als kleines Kind, als sie noch tollpatschig und unsicher lief; aber in diesem Jahr war es Zeit für sie, dass sie die Künste erlernte, in denen sich ihre Mutter so gut auskannte– im Heilen, in der Geburtshilfe und den Bestattungsriten.
Bird lernte, wie sie alles tat, nämlich rasch und mit Anmut. Shining Stone betrachtete ihre Tochter stolz. Das Mädchen, nicht wissend, dass sie beobachtet wurde, war eifrig mit Ausrupfen und Pflücken beschäftigt, beugte und streckte sich, geschmeidig wie ein Schilfrohr im Winde. Ihr langer Zopf schwang hin und her, während sie nach den kleinen, blassen Blüten des Wintergrüns Ausschau hielt. Bird war eine stattliche junge Frau, wenn auch nicht ausgesprochen schön. Sie war groß und breitschultrig, hatte hochangesetzte runde Brüste und kräftige Beine. Sie konnte weite Strecken gehen oder laufen. Und ihre Hände mit den langen, schmalen Fingern zeigten sich bei jeder Arbeit geschickt: beim Korbflechten, beim Sortieren von Muscheln, beim Gerben eines Hirschfells. Oder beim Sammeln von Pflanzen für den Medizinbeutel, was sie eben jetzt tat.
Viele junge Männer nickten ihr zu, wenn sie an ihrem Wigwam vorbeikamen, und warfen sich dabei ein bisschen in die Brust. Jeder hoffte, sie würde sagen:»Ihn will ich zum Mann.« Es nützte alles nichts. Shining Stone hatte bereits jemanden ausgesucht, mit dem Bird sich vermählen würde. White Wolf, der Sohn des Sachems, wie sie ihren Häuptling nannten, war der Mann, den sie sich für ihre Tochter wünschte. Wie gut die beiden zusammenpassten! Bird gehörte einer der angesehensten Familien im Dorf an, im Grunde genommen einer der bedeutendsten Familien des ganzen Stammes. Shining Stone war eine bekannte Heilerin und Hexe, ihr Mann Great Eagle derpawwow oder Schamane. Gemeinsam standen sie ganz oben in der Rangordnung der mächtigen Pequot.
Die Pequot waren, das wussten alle, das gefürchtetste Volk in dieser Gegend. Sie zählten Hunderte von hundertmal Hunderten, und jeder andere Stamm erzitterte in ihrer Gegenwart. Ganz allein hatten sie in diesem Teil der Welt sämtliche Völker besiegt– bis auf die Narragansett, diese listigen Wiesel, doch auch sie würden bald geschlagen werden. Shining Stone lächelteüber ihre grimmigen Gedanken. Sie war keine Kriegerin, sie warmoigu. Es war gut,moigu– Heilerin und Hexe– zu sein in dem Stamm, dessen Name eine Kurzform vonpekawatawog– die Zerstörer– war.
Der Tag war herrlich, sonnig und klar, und ein zartes, goldenes Licht schienüber die Wiese. Shining Stone schaute sich um und atmete die Schönheit ihres Landes ein, wo die Geister freundlich waren. Sie und Bird hatten Nieswurz, Bärentraube, Sassafras, Schlangenwurz, Holunderrinde und– beeren zum Schweißtreiben gefunden, Weiberwurz zur Linderung von Menstruationskrämpfen und Erleichterung der Geburt sowie Steinsame, um den Mondzyklus einer Frau zu beenden. Der um ihre Brust geschlungene Medizinbeutel war jetzt schwer und voll, wie eine schwangere Frau kurz vor der Niederkunft. Einige mussten für die Tiereübrig bleiben und andere Samen und damit eine neue Generation von Pflanzen hervorbringen.
»Komm, Bird«, rief sie.»Wir haben genug und ich möchte Wild Goose noch vor Anbruch der Dunkelheit sehen.«
Bird richtete sich gehorsam auf und kam auf die Mutter zu.»Ich habe letzte Nacht von meinem Bruder geträumt. Wild Goose schwamm zwischen vielen goldenen Fischen, und dann verwandelten sie sich in Sterne und fielen vom Himmel herab.«
Shining Stone runzelte die Stirn. Das war wirklich ein seltsamer Traum, und sie wusste nicht genau, was er bedeutete. Doch sie verspürte einen Anflug von Besorgnis und sagte:»Wir wollen uns beeilen, Bird.«
Als sie vor drei Tagen aufgebrochen waren, hatte ihr Sohn sich schon fast vollständig von einer eiternden Wunde am Fuß erholt. Er war am Tag zuvor am Strand auf eine zerbrochene Muschelschale getreten und trotzdem, wie es Jungen eben tun, mit seinen Freunden weiter auf die Jagd nach Austern und Muscheln gegangen, statt sich nach Hause zu begeben und seinen Fuß in einen Breiumschlag wickeln zu lassen. Er musste teuer dafür bezahlen, dass er den klaffenden Schnitt in seiner Sohle ignoriert hatte. Innerhalb eines Tages war der Fuß rot geworden und dann auf nahezu doppelte Größe angeschwollen. Er bekam Fieber, verdrehte die Augen und stammelte Worte, die keiner verstand.
Sein Vater war den ganzen Tag bei ihm geblieben, um für ihn zu beten. Mit den Geistern zu sprechen, war ja gut und schön, aber Shining Stone wusste, dass der Breiumschlag, den sie Wild Goose gemacht hatte, wirksamer sein würde. Dennoch, Birds merkwürdiger Traum ... Shining Stone war unbehaglich zu Mute und sie beschleunigte ihren Schritt.
»Mutter, ich habe etliche von den