1.
Anna lachte, als Oleg sie durch das Fenster des schäbigen Nachkriegsautobusses erblickte.
Sie war nicht schön, aber wer sie sah, vergaß sie nicht mehr. Sie hatte eine zu kleine Nase für einen zu großen Mund, zu starke Backenknochen für ihr sanftes Kinn, starke, dunkle Augenbrauenüber schrägen, grauen Augen und eine Masse schweren Haares, das sie selbst als bunt bezeichnete, weil es von blond bis kupfer abschattiert war. Nein, Anna war nicht schön, aber ihr Gesicht war ungewöhnlich, und wenn sie lachte, entwickelte sie einen Zauber, der sich einprägte, so daß man noch Jahre später zu sagen vermochte, wann und wo man ihr— und sei es noch so flüchtig— begegnet war. Annas Lachen war totale Präsenz, war vorbehaltlose Hingabe an Ort und Stunde. Anna lachte, als Oleg sie durch das Fenster des schäbigen Nachkriegsautobusses erblickte.
Es war April und kalt und windig. Anna und Helen waren dicht aneinandergerückt, um sich zu wärmen, während sie auf die Abfahrt des Busses warteten. In der Reihe vor ihnen saß Ewgenia Konstantinowna Schischkina, eine eindrucksvolle Frau von hagerer Strenge mit straff zurückgenommenem, im Nacken zu einem Knoten zusammengedrehtem Haar. Helen behauptete, die Russin zähle zu den besten Konferenzdolmetscherinnen der Welt.»Vor der zittern Staatsmänner«, raunte sie Anna zu. Die Art, wie die Schischkina sie ohne den Schatten eines Lächelns gemustert hatte, war Anna unangenehm gewesen.»Von der glaub’ ich alles«, flüsterte sie zurück.»Sie sieht aus wie mein ehemaliger Klassenvorstand, sie geht sicher in den Keller lachen.« Anna hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß Ewgenia Konstantinowna ihre Worte gehört, geschweige denn deren Bedeutung verstanden haben könnte. Ihre Augen wurden weit, als die Frau sich umwandte und in fließendem Deutsch sagte:»Irrtum, ich lache, wenn ich einen Grund dazu finde. Zur Zeit sehe ich keinen.« Ihre Stimme klang ein wenig rauh und warm. Ehe Anna etwas erwidern konnte, hatte die Dolmetscherin ihr wieder den Rücken zugewandt. Das Mädchen starrte auf den dunklen, grau gesprenkelten Haarknoten und suchte nach einer Antwort, die flott klingen und nicht keck sein sollte. Was dann geschah, enthob es desÄrgers, nichts Passendes gefunden zu haben.
Bremsen quietschten, auf der anderen Straßenseite, drüben beim Naschmarkt, hielt ein Taxi. Es war einer jener abgetakelten amerikanischen Straßenkreuzer, die die US-Besatzungsmacht bei ihrem Abzug zurückgelassen hatte. Der Wagen schlingerte; noch ehe er zum Stillstand gekommen war, flogen die Hintertüren auf, Reisetaschen plumpsten auf die Straße, zwei lange Männerbeine in Rauhlederhosen wurden sichtbar. Anna hörte Helen erleichtert seufzen.»Er ist da, das ist Luis.« Die Beine gehörten einem Adonis mit dunklen Locken. Er ist zu schön, dachte Anna. Der Adonis fischte zunächst eine Fototasche, dann eine biegsame Frau aus dem Wagen. Sie war geschminkt wie Juliette Greco und trug Schwarz. Als sie auf der Straße stand und ihr Haar schüttelte, fiel einer ihrer Ohrringe zu Boden. Adonis beugte flugs ein Knie, hob den Ohrring auf und drückte ihnübertrieben innig an die Lippen, ehe er ihn der Greco reichte. Helen zog hörbar die Luft ein und kniff Anna in den Arm.»Hast du das gesehen?« fragte sie bestürzt.
Anna hatte es gesehen, jeder im Bus hatte es gesehen, die Ankömmlinge waren jene Passagiere, auf die die Reisegesellschaft seit gut vierzig Minuten wartete. Der rauhlederne Luis hatte sich die Fototasche umgehängt und griff nach den Reisetaschen. Die Frau in Schwarz blieb neben dem Wagen stehen und lachte jemandem zu, der neben dem Taxifahrer saß. Es muß ein Mann sein, dachte Anna, so lacht man nur einem Mann zu. Erkenntnisse wie diese traf sie intuitiv. Ging es um das Spannungsfeld Mann– Frau, irrte sie selten.»Also, wo bleibt er?« fragte sie sich.
Sie würde Olegs Auftritt nie vergessen. Zunächst stieg der Taxichauffeur aus. Er wieselte um den Wagen und riß den Schlag auf. Das Trinkgeld muß saftig gewesen sein, dachte Anna, dann hörte sie zu denken auf. Der Mann, der aus dem Taxi stieg, bewegte sich für seine Größe auffallend behende. Geschmeidig war er aus dem Wagen geglitten und stand so plötzlich neben dem Fahrer, als hätte man ihn hingezaubert. Seine Hüften waren schmal, sein Brustkorb breit, seine Schultern massig. Sein Hals war lang und kräftig, er trug seinen Kopf wie ein König. Sein Schädel war vollkommen geformt und kahl. Edel gebaut, mattglänzend wie Elfenbein und vollkommen kahl. Er nickte dem Taxifahrer zu, hakte die Greco unter undüberquerte mit ihr die Straße.
Die Buspassagiere hatten die Ankunft des Trios verfolgt wie Kino. Nur die Schischkina hatt