I
Wildnis und Neonlicht
Die Fahrt der›Mayflower‹, die auslief, um die Neue Welt zu kolonisieren, wurde durch eine Lotterie in England finanziert. Sovielüber Amerikas puritanisches Erbe.
Einer der zwölf Apostel wurde durch das›Los‹, also durch eine Art von Lotterie, ausgewählt. Es war aber nicht etwa Judas.
Von George Washington wissen wir, daß er nie log. Aber er hasardierte mit allem,überall und jederzeit. Die Nacht, in der erüber den Delaware setzte, um die Hessen zuüberfallen, war vielleicht die einzige Nacht im ganzen Revolutionskrieg, in der er nicht Karten spielte oder würfelte. (Dennoch hielt er das Spiel für›schlecht‹, denn in einem Armeebefehl untersagte er den einfachen Soldaten das Glücksspiel.) Die berühmten Universitäten Yale, Harvard und Dartmouth wurden mit Geldern aus Lotterien errichtet. Dasselbe gilt für die ersten Kirchen der Puritaner in der Neuen Welt und für die ersten Schulen und Brücken. Die Revolutionsarmee, mit der Amerika seine Unabhängigkeit gewann, wurde ebenfalls aus Lotterien finanziert.
Diese Tatsachen führe ich einfach deshalb an, um zu zeigen, daß das Glücksspiel kein widernatürliches Laster, die Stadt Las Vegas– so hoffe ich doch– keine Erfindung des Teufels und auch nicht unamerikanisch ist. An der Meinung, Las Vegas sei die rohe, geldgierige Hauptstadt des Sex und der Sünde, vulgär in seiner Architektur und Atmosphäre, läßt sich ohnehin nichtsändern. Und zwar, weil das Gegenteil zu schwer zu beweisen ist. Dies ist einfach ein Buchüber Las Vegas als der Traumwelt des Genusses, die einen Urtrieb der menschlichen Natur befriedigt.
Es gilt der alte Satz: Alles zu seiner Zeit. Es gibt eine Stunde für Champagner und eine für Coca-Cola; eine für französische Küche und eine für Pizza; für James Joyce und für Agatha Christie; eine für Wollust und eine für echte Liebe. Einmal zieht man sich für zwei Wochen in ein Kloster zurück, und ein anderes Mal steht einem eben der Sinn nach drei wilden Tagen in Las Vegas mit Glücksspiel, Saufen und leichten Mädchen. So ein Buchüber Las Vegas kann also nicht schaden. Und wer weiß– unter Umständen kann man Weisheit ebenso durch Hingabe an das Laster wie durchÜbung der Tugend erwerben. Vielleicht lernt man gerade daraus ein wenig.
Um zum Kern zu kommen, zuerst einige grundlegende Tatsachen. So sehr ich Las Vegas liebe, muß ich doch gleich sagen, daß es keine Chance gibt, nach längerem Aufenthalt diese Stadt als Gewinner zu verlassen. Es ist einfach so, daß der prozentuelle Hausvorteil oderedge, wie wir Spieler ihn nennen, durch ehrliches Spielen nicht aufgeholt werden kann. Ich will damit nicht sagen, daß die Kasinos von Betrügern geführt würden. Im Gegenteil. Kasinos sind die ersten ehrlichen Spielstätten in der Geschichte der Menschheit– und das Glücksspiel ist so alt wie unsere Zivilisation.
Dieses Buch ist also keine Anleitung zum Gewinnen. Es gibt dafür keine Methode, kein System. Es will Ihnen nur zeigen, wie man sich in Las Vegas nichtumbringt. Und das ist im Grunde ganz einfach: Unterschreiben Sie niemals einen Schuldschein. Stellen Sie prinzipiell keinen Scheck aus, sondern spielen Sie bloß mit dem Geld, das Sie in der Tasche haben.
Sicherlich werden Sie auch das eine oder andere Mal gewinnen, vielleicht sogar fünf-, sechs- oder siebenmal hintereinander. Aber schließlich wird alles wieder weg sein. Denken Sie daran, daß eine Pechsträhne weitaus tödlicher ist, als eine Glückssträhne nützlich sein kann. Das ist eigentlich alles, was Sieüber Las Vegas wissen müssen. Später werden wir uns ein wenig mit Systemspielen beschäftigen. Da wünsche ich viel Glück.
Erinnern wir uns, daß Las Vegas vor dreißig Jahren noch eine Kleinstadt war, in der es einige Spielkasinos im Wildweststil gab, in denen man mit einem Gewinn von fünfzigtausend Dollar die Bank sprengen konnte. Heute ist Las Vegas eine Großstadt mit einem riesigen Komplex von luxuriösen Kasinohotels im Wert von etwa einer Milliarde Dollar, derjährlich an die zwei Milliarden DollarGewinne auszahlt. Vergessen Sie aber nie: Das Geld, mit dem diese Milliardenanlage errichtet worden ist, stammt aus den Taschen derVerlierer.
Nachdem wir diese Dinge einmal beim Namen genannt haben, will ich nun von etwas ganz anderem sprechen. Drei Tage Las Vegas können zu einem unvergeßlichen Erlebnis werden. Das setzt freilich voraus, daß Sie berühmte Museen, die Freude am Lesen, gutes Theater, klassische Musik, anregende Vorträge großer Philosophen, erstklassiges Essen, ausgezeichnete Weine und wahre Liebe aus Ihrem Gedächtnis streichen. Und zwar zur Gänze streichen. Nur für drei Tage. Glauben Sie mir, diese Dinge werden Ihnen nicht abgehen. Denn: Ihr werdet sein wie die Kinder!
Las Vegas ist heute vielleicht eine der bekanntesten Städte der ganzen Welt. Reisen Sie durch die Kulturzentren Europas, sprechen Sie mit einem beliebigen Taxifahrer oder Hotelkellnerüber L