: Erma Bombeck
: Als meine Fehler laufen lernten
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955302726
: 1
: CHF 2.70
:
: Humor, Satire, Kabarett
: German
: 240
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der ganz normale Alltagswahnsinn einer viel beschäftigten Hausfrau und Mutter... Genau den beschreibt Erma Bombeck so treffend, warmherzig und witzig in ihren Büchern - zum größten Vergnügen ihrer Millionen Leserinnen auf der ganzen Welt. Jahrelang hat sich die Amerikanerin über ihren süßen, aber unentwegt streitenden Nachwuchs und über ihren liebevollen, aber grauenhaft unordentlichen Ehemann geärgert. Bis sie beschloss, sich diesen Ärger einfach von der Seele zu schreiben. Das Ergebnis ist bekannt: Von Erma Bombecks Büchern wurden weltweit viele Millionen Exemplare verkauft! Die Kinder sind aus dem Haus. Was nun? Eine Mutter zieht Bilanz und stellt fest: Wie man es auch macht, man macht es falsch - besonders bei der Erziehung derer, die uns das Liebste auf der Welt sind.

Erma Louise Bombeck, geb. 21. Februar 1927, gest. 22. April 1996, war eine US-amerikanische Schriftstellerin, welche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch ihre humorvollen Bücher und Zeitungskolumnen große Popularität erreichte. Bombeck hatte selbst drei Kinder und begann im Alter von 37 Jahren über die Höhen und Tiefen im Leben einer Hausfrau und Mutter zu schreiben. In der Zeit von 1965 bis zu ihrem Tod 1996 wurden mehr als viertausend ihrer Kolumnen in rund 800 Tageszeitungen veröffentlicht; ihre letzte Kolumne schrieb sie sechs Tage vor ihrem Tod.

Die Familie: 1987


Freitag, 17 Uhr

Ganz ohne Grund benahm ich mich wie eine lampenfiebrige Gastgeberin: ordnete Falten in den Vorhängen, schob Stühle unter den Tisch und rutschte auf dem Hosenbodenüber den Couchtisch, um den Staub auf eine Stelle zuübertragen, auf die fast nie mehr jemand blickte.

In wenigen Minuten würde die Ruhe von drei erwachsenen Kindern unterbrochen werden, dieübers Wochenende heimkamen: es sollte das traditionelle Familienfoto für die Weihnachtskarte aufgenommen werden.

»Sind sie schon da?« rief mein Mann und balancierte sein Stativ und seine Kamera.

Ich schüttelte den Kopf und ging rasch ins Wohnzimmer, wo ich das Licht anknipste. Es war so, wie ich es in Erinnerung hatte: die weißen Sofas einander gegenüber, der unbenutzte hochflorige Teppich, die prallen Kissen, deren Ecken zipfelten wie frische Meringen.

»Was riecht denn da so?« fragte mein Mann und zog beim Betreten des Zimmers die Schuhe aus.

»Das Zellophan auf den Lampenschirmen. Wo sie nur bleiben?«

»Sie«, das sind zwei Söhne und eine Tochter, empfangen in Leidenschaft, erwartet mit Sodbrennen und aufgezogen mit Liebe. Gene, Chromosome und der Nachname sind uns gemeinsam. Wir haben nie die gleichen Frühstücksflocken gegessen, die gleichen Fernsehsendungen gesehen, die gleichen Menschen gern gehabt oder die gleiche Sprache gesprochen. Warum sollten sie nicht zu spät kommen– in dreißig Jahren hatten wir nie die gleiche innere Uhr.

War bei mir alles auf Waschen, Bügeln, Einkaufen, Kochen und Dauertrab eingestellt, waren sie auf Dauerschlaf programmiert und danach weg. Stand bei mir der Schlaf der Erschöpfung auf dem Programm, dann bei ihnen Drehwurm-in-der-Wiege, Disco-Musik und Moto-Cross-Rennen im eigenen Garten.

Selbst als sie größer wurden: ging ich ins Bett, gingen sie aus. Stand ich zum Frühstück auf, kamen sie eben heim.»Wie hast duüberhaupt fertiggekriegt, daß sie herkommen? Du weißt doch, wie sehr sie das Fotografiertwerden hassen.«

»Ich hab ihnen gesagt, wir wollten unser Testament verlesen.« Mich wunderte nur, warum wir uns die ganze Müheüberhaupt machten.

Das vorjährige Weihnachtsfoto zeigte eines unserer Kinder auf dem Sofa mit Schlips und Sportjackett, aber ohne Schuhe. Unsere Tochter blickte genau in die Kamera, aber mit geschlossenen Augen, und der andere Sohn hing mirüber die Schulter und hatte eine Temperatur von mindestens 39,2. Der Hund leckte sich an einer unappetitlichen Stelle, und wir alle– mit Ausnahme des Hundes und unserer Tochter– richteten unsere Blicke auf ein Knie meines Mannes, das mit aufs Bild geraten war.

Es war kein Bild, wie man es an einem hohen kirchlichen Feiertag gern anschaut.

Warum nur waren wir nicht wie unsere ehemaligen Nachbarn, die Nelsons? Jedes Jahr bekamen wir eine Weihnachtskarte von ihnen, darauf war die ganze Familie vor dem Kamin versammelt, in Skipullovern und mit Jacketkronen-Lächeln.

»Hast du mit unserem Sohn in Los Angeles gesprochen?«

»Ich habe ihm was aufs Band gesprochen«, sagte ich.

Um genau zu sein, hatte ich seitüber drei Jahren nicht mehr mit meinem Sohn persönlich gesprochen. Ich hatte auf seinen Anrufbeantworter gesprochen und er auf meinen Anrufbeantworter, und manchmal unterhielten sich auch unsere Anrufbeantworter miteinander. Ich würde es nicht jedem anvertrauen, aber sein Anrufbeantworter und ich haben eine weit innigere Beziehung zueinander als wir. Sein Automat hat so gute Manieren. Wenn ich anrufe, sagt er leise:»Tach. Ich bin gerade nicht da, aber wenn Sie Ihren Namen und Ihre Telefonnummer hinterlassen, rufe ich Sie an, sobald ich kann. Beim Piepston haben Sie noch zehn Sekunden. Einen schönen guten Tag noch.« Mein Sohn würde das nie sagen.

Der Automat war so nett, daß ich es nichtübers Herz brachte, zu sagen was ich hatte sagen wollen:»Du Miststück, ich liege schon dauernd angstvoll auf den Knien, und du findest nicht einmal die fünf Minuten Zeit, um deine Mutter anzurufen.« Ich sagte daher schließlich nur:»Ich weiß, mein Lieber, du hast viel zu tun. Ich wollte bloß mal kontrollieren, ob du noch lebst. Ich hatte heute fast keine Schmerzen. Dir auch einen schönen guten Tag.«

Es würde nett sein, die Familie mal wieder versammelt zu sehen, zusammenzusitzen und alte Erinnerungen aufzufrischen, Wissenswertesüber ihr Leben in Erfahrung zu bringen, vor Augen zu haben, was wir ihnen als Vermächtnis hinterließen ... gewissermaßen das Denkmal unserer eigenen Unsterblichkeit.

Meine Träumereien wurden vom Geräusch zuknallender Autotüren unterbrochen. Unserälterer Sohn stieß die Tür auf.»Jemand zu Hause?« (Ich konnte es nicht ausstehen, wenn er mir genau in die Augen sah und diese Frage stellte.) Er trug ein zerknautschtes Jackett mit bis zum Ellbogen hinaufgeschobenenÄrmeln, ein Hawaii-Hemd und Ballonhosen, die weiße Knöchel und nackte Füße freiließen.

Sein Vater wandte sich an mich und sagte:»Um Himmelswillen, Erma, hast du denn deinem Sohn nicht gesagt, daß wir ein Familienporträt für die Weihnachtskarte machen wollen?«

»Aber dazu bin ich doch gekommen«, sagte er.

»Und warum hast du dich dann nicht rasiert?«

»Hab ich ja, erst vor paar Stunden.«

»Hast du auch eine Klinge eingelegt?«

»Aber ja, es sind frische Stoppeln. Ich will aussehen wie aus›Miami Vice‹. Sag bloß nicht, daß du die nicht schon früher bemerkt hast.«

»Klar habe ich sie schon früher bemerkt, bei Erntearbeitern und Reisenden, deren Gepäck drei Wochen lang verlorenging.«

»Dad, so was ist sexy.