Autor
Prof. Dr. Guido Knopp, Jahrgang 1948, arbeitete nach dem Studium als Redakteur der„Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und als Auslandschef der„Welt am Sonntag“. Von 1984 bis 2013 war er Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. Seitdem moderiert er die Sendung History Live auf Phoenix. Als Autor publizierte er zahlreiche Sachbuch-Bestseller. Zu seinen Auszeichnungen zählen der Jakob-Kaiser-Preis, der Europäische Fernsehpreis, der Telestar, der Goldene Löwe, der Bayerische und der Deutsche Fernsehpreis, das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse und der Internationale Emmy.
Vorwort
Es war eine Befreiung
Und dennoch, die Stunde ist groß– nicht nur für die Siegerwelt, auch für Deutschland– die Stunde, wo der Drache zur Strecke gebracht wird, das wüste und krankhafte Ungeheuer, Nationalsozialismus genannt, verröchelt und Deutschland von dem Fluch wenigstens befreit, Hitlers Land zu heißen«, mit diesen Worten begrüßte der in die USA emigrierte Schriftsteller Thomas Mann die deutsche Kapitulation. Nur wenige seiner Landsleute, die in»Hitlers Land« verblieben waren, mögen damalsähnlich empfunden haben. Für die große Mehrheit der Deutschen allerdings war der 8. Mai 1945 wohl zunächst die Stunde des Zusammenbruchs und nicht die Stunde der Befreiung, wie sich auch die Sieger damals nicht als Befreier der Deutschen, sondern als Befreier von den Deutschen gefühlt haben. Nur eine positive Erfahrung verband Sieger und Besiegte am Ende dieses schrecklichen Krieges: Es war die Erleichterung,überlebt zu haben– einen Krieg, der mehr als 50 Millionen Opfer gefordert und zugleich deutlich gemacht hatte, wozu Menschen fähig sind und was sie ihresgleichen antun können.
Heute, fast 60 Jahre nach Ende des Krieges, hat sich die Sicht auf die Ereignisse von damals sehr gewandelt. Die Besiegten von einst und die Nachgeborenen haben sich lange schon von Hitlers mörderischem Reich losgesagt. Sie sind heute in ihrer großen Mehrheit bereit, die schweren Leiden, die die militärische Niederlage den Deutschen aufbürdete, nicht mehr den alliierten Siegern, sondern vor allem der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft anzulasten, die diesen Krieg im deutschen Namen und von deutschem Boden aus entfesselte. Und die Sieger von einst haben das Nachkriegsdeutschland als eine friedliche Demokratie kennen gelernt– und ihm allmählich vertraut. Sie sind heute zunehmend bereit, die Deutschen nicht nur als Vollstrecker, sondern auch als Opfer von Hitlers Wahn zu begreifen– nicht nur als Besiegte, sondern auch als Befreite.
Das vorliegende Buch beruht auf den Recherchen für ein Filmprojekt, das die Endphase des Krieges im Westen darstellt. Bislang wurde dieser Krieg in der Regel nur aus nationaler Sicht geschildert. Heute, da die Zeitgenossen hoch betagt sind, ist es an der Zeit, dass einst verfeindete Nationen gemeinsam aufzeigen, was den Zweiten Weltkrieg ausmacht. Noch sind die Menschen, die den Krieg erlebt haben, am Leben und können erzählen,»wie es war«. Und noch haben wir die Chance, ihnen zuzuhören, wenn sie von der Grenzerfahrung ihres Lebens berichten: Deutsche und Amerikaner, Briten und Kanadier, Franzosen und Italiener, Niederländer und Belgier.
Der Befreiung im Westen ging ein jahrelanges diplomatisches Tauziehen unter den Alliierten voraus. Seit Ende 1941 forderte Stalin eine»Zweite Front« im Westen Europas, die die Rote Armee im Osten entlasten sollte. Doch erst bei der Konferenz von Teheran Ende November 1943 sagten Churchill und Roosevelt Stalin eine Invasion für das nächste Frühjahr zu. Das Unternehmen»Overlord«, die alliierte Landung in der Normandie, begann am 6. Juni 1944. Im Morgengrauen erschien die bis zu diesem Augenblick gewaltigste Armada der Weltgeschichte vor der französischen Küste: Rund 200 000 Mann Sturmtruppen, auf viertausend Schiffen verteilt, eroberten die Strände der Normandie, unterstützt durch eine Feuerwalze alliierter Bomber und Kriegsschiffe. An manchen Stränden gelang der Durchbruch ohne größere Verluste, an anderen blieben hunderte von Angreifern im vernichtenden Abwehrfeuer der deutschen Stellungen liegen. Am Ende des»längsten Tages« siegte die alliierteÜberlegenheit an Menschen und Material. Die»Zweite Front« war eröffnet, die Befreiung Westeuropas jetzt nur noch eine Frage der Zeit. Hitlers populärster General, Feldmarschall Erwin Rommel, mahnte seinen Kriegsherrn, angesichts des aussichtslosen Kampfes»Folgerungen« zu ziehen, das heißt, den Krieg zu beenden. Doch Hitler blieb bei seiner sturen Durchhalteparole, die er bereits am Abend des 6. Juni ausgegeben hatte:»Hier gibt es kein Ausweichen und Operieren, hier gilt es zu stehen, zu halten oder zu sterben.«
Anfang August brach die deutsche Front in Nordfrankreich zusammen. Der Weg ins Innere Frankreichs, der Weg nach Paris war frei. Für die französische Bevölkerung war es die Stunde der Befreiung. Viele, die unter der deutschen Besatzung gelitten hatten, wollten nun aktiv daran mitwirken, ihre Ketten zu zersprengen. Für das befreite Frankreich unter Führung von General Charles de Gaulle war es zudem eine Frage der nationalen Ehre, die Hauptstadt aus eigener Kraft zu befreien. Am 19. August 1944– fünf Tage, b