Autor
Prof. Dr. Guido Knopp, Jahrgang 1948, arbeitete nach dem Studium als Redakteur der„Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und als Auslandschef der„Welt am Sonntag“. Von 1984 bis 2013 war er Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. Seitdem moderiert er die Sendung History Live auf Phoenix. Als Autor publizierte er zahlreiche Sachbuch-Bestseller. Zu seinen Auszeichnungen zählen der Jakob-Kaiser-Preis, der Europäische Fernsehpreis, der Telestar, der Goldene Löwe, der Bayerische und der Deutsche Fernsehpreis, das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse und der Internationale Emmy.
Vorwort
Vorüber fünf Jahrzehnten ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. 50 Millionen Menschen fielen ihm zum Opfer– auf den Schlachtfeldern zwischen Normandie und Kaukasus, im U-Boot-Krieg, der im Atlantik tobte, im Bombenhagel, der auf die Städte niederging, im Holocaust, dem unsagbaren Verbrechen hinter der Front. Es war ein Krieg, der deutlich machte, wozu Menschen fähig sind und was sie ihresgleichen antun können. Alles, was das 20. Jahrhundert ausmacht, spiegelt sich in diesem Krieg: der Machtkampf zweier totalitärer Ideologien; der Sieg der Demokratieüber die Diktatur, der Triumph der Technik in der Kriegsführung und deren Missbrauch bei der systematischen Vernichtung von Menschen– und schließlich durch Hiroshima der Nachweis, dass die Menschheit nun imstande war, sich selbst auszulöschen. Ein Krieg als Focus und als Menetekel: der Jahrhundertkrieg.
Dieses Buch beruht auf den Recherchen für ein Filmprojekt, das den Zweiten Weltkrieg noch einmal umfassend darstellt. Noch einmal? Zum letzten Mal? In gewisser Hinsicht wohl zum ersten Mal. Bislang wurde dieser Krieg in der Regel nur aus jeweils nationaler Sicht geschildert. Heute, da die Zeitgenossen hoch betagt sind, ist es an der Zeit, dass einst verfeindete Nationen gemeinsam zeigen, was den Zweiten Weltkrieg ausmacht. Einen Krieg, der uns nach wie vor (und mehr denn je) bewegt. Eine Reihe ausländischer Partner, Fernsehsender ebenso wie Wissenschaftler, arbeiten hierfür mit uns zusammen. Zum Zweiten Weltkrieg eine Filmreihe aus Deutschland für ein internationales Publikum? Noch vor zehn Jahren wäre dies nicht vorstellbar gewesen.
Zehntausende von Kilometern haben unsere Teams auf den Spuren des Jahrhundertkriegs zurückgelegt, Tonnen von Archivbeständen haben sie durchstöbert, meterlange Filmrollen gesichtet, hunderte von Zeitzeugen befragt– in dem beflügelnden Bewusstsein, dies zur rechten Zeit zu tun. Zum einen sind in den Archiven weltweit gerade in den letzten Jahren neu entdeckte Quellen vorzufinden, die uns neue Einsichten gewähren. Zum andern sind die Menschen, die den Krieg erlebt haben, die berichten können,»wie es war«, jetzt noch am Leben. Und noch haben wir die Chance, ihnen zuzuhören, wenn sie von der Grenzerfahrung ihres Lebens sprechen: Deutsche und Amerikaner, Briten und Russen, Polen und Franzosen.
Dieses Buch ist keine chronologische Erörterung. Es konzentriert sich, wie die Filmreihe, auf die zentralen Phasen des Jahrhundertkriegs: die Schlacht im Atlantik, Rommels Kämpfe in der Wüste, den Bombenkrieg, der anfangsüber England und dannüber deutschen Städten tobte.
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Es beginnt mit einer Jagd. Die»Bismarck«, ein Koloss aus Kruppstahl, galt als das mächtigste Schlachtschiff der Welt. Sie sollte die Wende in der Atlantikschlacht erzwingen– noch bevor die Amerikaner in den Krieg eintreten würden. Es galt, die Versorgungslieferungen aus der Neuen in die Alte Welt zu unterbrechen– ein vergebliches Unterfangen. Zwar gelang es der»Bismarck«, den Stolz der britischen Marine, das Schlachtschiff»Hood«, zu versenken. Dank neuer Radartechnik aber konnten die Briten das deutsche Schlachtschiff bei schwerem Wetter im Nordatlantik orten. Zwar riss der Kontakt wieder ab– doch der deutsche Admiral Lütjens sandte ausgerechnet in jenen Minuten einen längeren Funkspruch an Hitler und verriet dadurch die Position seines Schiffes. Der Torpedo eines antiquierten britischen Doppeldeckers vom Flugzeugträger»Ark Royal« besiegelte schließlich das Schicksal der»Bismarck«. Knapp 1000 Meilen von der rettenden französischen Küste entfernt konnte sie nur noch im Kreis fahren. Wenig später begannen die herbeigeeilten britischen Schlachtschiffe und Kreuzer mit der»Exekution« des angeschlagenen Gegners, der bis zum Schluss keine Anstalten machte, den sinnlosen Kampf zu beenden. In seinem letzten fanatischen Funkspruch teilte Admiral Lütjens nach Berlin mit:»Wir kämpfen bis zur letzten Granate. Es lebe der Führer!« Die Selbstversenkung des deutschen Panzerschiffs»Graf Spee« vor Montevideo war in Hitlers Marine als»Schmach«empfunden worden. Lütjens wollte nicht, dass man auch ihn als»Versager« verspottete. Für eine solche Gesinnung opferte er seine Besatzung. Am 27. Mai 1941 sank die»Bismarck«. Von 2221 Mann