Der»Neue Kurs«
Was sie denn davon hielten, fragte Lawrentij Berija am 27. Mai 1953 fast beiläufig die Mitglieder des sowjetischen Ministerrates, wenn man den Sozialismus in der DDRüber Bord werfe? Wie es denn wäre, die Gleise für ein vereinigtes, neutrales und nicht sozialistisches Deutschland zu stellen? Seine Zuhörer glaubten zunächst, sie hätten sich verhört. Außenminister Wjatscheslaw Michajlowitsch Molotow erinnerte sich später, dass Berija sich von den verblüfften Gesichtern um ihn herum nicht hatte beirren lassen, sondern völlig ungerührt weitergeredet habe.»Alles, was wir wollen, ist ein friedliches Deutschland, und dabei spielt es keine Rolle, ob es sozialistisch ist oder nicht.« Seit Stunden schon hatten die Politikerüber die alarmierenden Flüchtlingszahlen in der DDR und die prekäre finanzielle Situation des westlichsten Trabanten debattiert. Die meisten plädierten für eine sanfte Kurskorrektur. Aber würde das reichen?
Die DDR schlingerte nun schon seit Monaten am wirtschaftlichen Abgrund, und noch immer war keine Besserung in Sicht. Berijas Gedankengang war eigentlich simpel: Wenn der Sozialismus in der DDR tatsächlich nicht durchzusetzen war, man also das halbe Deutschland nicht ganz bekommen konnte, war es dann nicht besser, das ganze Deutschland halb zu haben? Nicht, dass dieser Gedanke gänzlich neu gewesen wäre. Selbst der»weise Vater der Völker« hatte ihn schließlich ein Jahr zuvor mehr oder minder ernsthaft vorgetragen. Während Stalins»Angebot« aber noch mit einer Kette von Bedingungen verknüpft gewesen war, schien Berija den Trabanten jetzt einfach fallen lassen zu wollen.»Die DDR?«, fragte er in die Runde, wie sich der spätere Außenminister Gromyko erinnerte.»Die ist nicht einmal ein richtiger Staat. Sie wird nur durch sowjetische Truppen aufrecht erhalten, auch wenn wir sie Deutsche Demokratische Republik nennen.« Wie recht er damit hatte, würde sich wenige Wochen später zeigen.
Mit dem Frühjahr 1953 hatte das Eis in Moskau zu schmelzen begonnen. Die Fesseln, mit denen der Diktator das Land fast drei Jahrzehnte kujoniert hatte, lockerten sich. Soöffneten sich für Häftlinge, die zu weniger als fünf Jahren verurteilt waren, unerwartet die Lagertore. Auch diejenigen, die in den letzten Tagen vor Stalins Tod verhaftet worden waren, kamen frei, dazu Zehntausende politischer Häftlinge. Die Kremlärzte, die Stalin unter dem Vorwurf, sie seien für den Tod führender Politiker verantwortlich, hatte einkerkern lassen, wurden rehabilitiert. Das alles waren deutliche Zeichen, dass die neuen Herren im Kreml Schluss machen wollten mit stalinistischer»Säuberung« und willkürlicher Verfolgung im eigenen Land.
Und auch nach außen hin wurde eine andere Gangart eingeschlagen. Trotz aller Querelen wussten Stalins Diadochen, dass der Tod des Diktators sie in eine höchst prekäre Situation manövriert hatte. Sosehr man ihn auch gehasst hatte: Josef Stalins eiserne Hand hatte das riesige Reich zusammengehalten. Auf internationalem Parkett jedoch hatte der Diktator das Land isoliert. Es war an der Zeit, versöhnlichere Töne anzuschlagen, wollte man nicht im Eiskeller des Kalten Krieges erstarren. Und die zarten Versöhnungsfühler, die die Kremlherren nach Westen ausstreckten, wurden von der internationalen Diplomatie sofort registriert.
Als nur wenige Tage nach Stalins Tod, am 12. März 1953, ein britisches Flugzeug in den Luftkorridorüber der DDR eindrang und von den Sowjets abgeschossen wurde, hielt der Westen bereits die Luft an. Solche Vorfälle hatten in der Vergangenheit immer wieder zu prekären Situationen geführt. Zu blank lagen die Nerven im Kalten Krieg– ein winziger Funke konnte das Pulverfass hochgehen lassen. Umsoüberraschender war die Reaktion der Sowjets. In freundlicher Wortwahl wurde angeregt, eine Dreimächtekonferenzüber die Fragen der Luftraumsicherheit in Deutschland abzuhalten. War da tatsächlich Tauwetter angesagt? Es sah ganz danach aus.
In den russischen Medien verstummte die gewohnte Propagandafanfare gegen die USA. Georgij Malenkow erinnerte gar an die guten alten Zeiten der»Anti-Hitler-Koalition«. Man solle, so appellierte der sowjetische Regierungschef, die internationalen Querelen auf diplomatischem Wege lösen. Die lang eingeforderten Gebietsansprüche an die Türkei wurden fallen gelassen, und die völlig zum Stillstand gelangten Waffenstillstandsverhandlungen in Korea kamen endlich wieder ins Rollen. Nun war es an den führenden Staatsoberhäuptern des Westens zu antworten.
Doch die Signale, die Moskau aus Washington erhielt, waren zunächst widersprüchlich. Winston Churchill schien durchaus zugänglich. Der letzte noch regierende Vertreter der Kriegsalliierten regte am 20. April sowie noch einmal am 11. Mai im britischen Unterhaus an, eine west-östliche Gipfelkonferenzüber alle strittigen Fragen abzuhalten. Der amerikanische Präsident Eisenhower allerdings war gerade erst wenige Wochen im Amt. Sein Außenminister John Foster Dulles hatte sich lautstark das Schlagwort»Rollback«, also die Zurückdrängung des Kommunismus, auf die Fahnen geschrieben. Am 16. April rief der amerikanische Präsident in einer Rede vor der amerikanischen Gesellschaft der Zeitungsverleger den Kreml auf,»handfeste Beweise« vorzulegen, dass man mit Stalins Vermächtnis gebrochen habe. Dulles griff zu härteren Tönen:»Wir tanzen nach keiner russischen Pfeife«, tönte er vollmundig vor der gleichen Versammlung. Amerika– so scheint es– traute den Kremlherren nicht. Zunächst einmal sollten die Geheimdienste ausloten, was denn hinter dem Eisernen Vorhang eigentlich los sei.
Tatsächlich schien alles möglich