: Guido Knopp
: Das Bernsteinzimmer Dem Mythos auf der Spur
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955302641
: 1
: CHF 4.50
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: Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
: German
: 250
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Dreihundert Jahre alt und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschollen - das Bernsteinzimmer ist zum Mythos geworden und zum Fluch, dem Hunderte von Menschen verfallen sind und für den Dutzende ihr Leben ließen. Einst war es Friedrich Wilhelm I., der den prunkvollen Raum, bestehend aus Tausenden wertvollster Ornamente und Vertäfelungen, dem Zaren Peter dem Großen schenkte. Schon damals war das Kunstwerk legendär. Zum Mythos aber wurde es, als es in den letzten Kriegstagen verscholl. Was geschah wirklich mit dem Bernsteinzimmer? Die Geschichte seiner Suche ist ein Kriminalroman mit realen Figuren - eines der spannendsten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Neue Nahrung bekommt die Sucht der Jäger durch zwei Theorien, die auf einmal belegbar scheinen. Zeitzeugen sind aufgetaucht, die nach 1945 Teile des Zimmers gesehen oder sogar in Händen gehalten haben wollen, Dokumente wurden gefunden, die den Weg des Zimmers nachzeichnen und erstmals das Handeln der wenigen Schlüsselfiguren anschaulich zu rekonstruieren helfen.

Prof. Dr. Guido Knopp, Jahrgang 1948, war jahrzehntelang Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. Zuvor war er Redakteur der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' und Auslandschef der 'Welt am Sonntag'. Als Autor publizierte er zahlreiche internationale Sachbuch-Bestseller. Zu seinen Auszeichnungen zählen der Jakob-Kaiser-Preis, der Europäische Fernsehpreis, der Telestar, der Goldene Löwe, der Bayerische und der Deutsche Fernsehpreis, das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse und der Internationale Emmy.

Krönung des Aufstiegs


Hier war es auch, wo der Hohenzollern-Regent Friedrich III. seine Leidenschaft für das»Gold der Ostsee« entdeckte. In den Berliner Gemächern des bauwütigen Kunstkenners wuchs eine ansehnliche Sammlung rarer und auserlesener Bernsteinfunde heran. Doch nicht in erster Linie seine Sammelleidenschaft war es, die den aufstrebenden Regenten nach Königsberg führte. In der alten Trutzburg des deutschen Ordens, eines der Wegbereiter für die Osterweiterung des späteren Preußens, sollte nach seinem Willen der politische Aufstieg seiner Dynastie unübersehbar dokumentiert werden: Eigenhändig wollte er sich hier zum ersten preußischen König krönen. Mit riesigem Hofstaat und allein dreihundert Gepäckwagen traf der künftige König vor der Wende zum Jahr 1701 in der Ost-Dependance seines Herrschaftsgebietes ein. Am 18. Januar setzte er sich vor viertausend Gästen in einem weihevollen Zeremoniell die neue Krone auf. Auch für sein Reich stand der Staatsakt am Anfang einer ruhmreichen Karriere.

Als der frisch gekürte König, nunmehr Friedrich I., Königsberg im März verließ, nahm er– inspiriert von der Bernsteinkunst seiner Krönungsstadt– auch die Idee für ein prestigeträchtiges Weihegeschenk an sich selbst mit nach Hause. Unmittelbar nach seiner triumphalen Ankunft in Berlin beauftragte Friedrich, so mutmaßen Sachkenner, seinen damaligen Hofarchitekten Andreas Schlüter, den berühmten Erneuerer des Berliner Stadtschlosses, mit den Plänen für ein»Bernstein-Cabinett«. Es sollte eine Weltneuheit werden: Noch nie zuvor hatte Bernstein für die komplette Ausgestaltung einer Kammer Verwendung gefunden. Als Verwirklicher dieser Innovation empfahl der befreundete König von Dänemark seinen Bernsteinschneider Gottfried Wolffram.

Bereits im April 1701 ging der versierte Kunsthandwerker im Schloss Lietzenburg, dem späteren Charlottenburger Schloss, ans Werk. Dabei wandte er ein neu entwickeltes Verfahren an, die so genannte Inkrustationstechnik (mosaikartiges Verfahren zur Bearbeitung von Bernstein): Tausende von Bernsteinstücken der verschiedensten Farbschattierungen wurden auf zwölf großformatigen Holztafeln, so genannten Paneelen, und zehn Sockelplatten, die in beliebiger Anordnung an der Wand befestigt werden konnten, aufgeklebt und zu kunstvollen Mosaiken zusammengefügt. Aus dem natürlichen Rohstoff wurden in millimetergenauer Maßarbeit dekorative Muster, filigrane Figürchen, Ornamente, Verzierungen, herausragende Rahmen, Zierleisten, Wappen, kleine Gemälde für sich und Schriftzeichen herausgearbeitet. Um die natürliche Farbpalette noch zu erweitern, kochten die Bernsteinkünstler die Plättchen inÖl, dem nach streng geheimen Rezepturen natürliche Pflanzenfarben beigemengt waren.

Die Mitwirkung des Bildhauers und Hofbaumeisters Andreas Schlüter bis zu seiner Entlassung im Jahr 1707 schließen Fachleute auch aus der frappierendenÄhnlichkeit von acht Masken toter Krieger im Rahmendekor des Kabinetts mit jenen zweiundzwanzig Krieger-Masken, die der Bildhauer im Innenhof des Zeughauses geschaffen hatte.

Doch die Schaffensfreude währte nicht lange. Wegen der wuchernden Kosten, wohl auch weil er sich mit dem neuen Hofbaumeister Eosander von Goethe nicht verstand, wurde Bernsteinschneider Gottfried Wolffram 1707 vor die Tür gesetzt. Der König beschloss, die bisher gefertigten Elemente in sein Stadtschloss zu verlagern und dort für die Täfelung eines Raumes zu verwenden. Beauftragt wurden diesmal, gegen geringeres Entgelt als der dänische Meister, die Danziger Kunsthandwerker Gottfried Turau und Ernst Schacht. In ihrem Können standen sie dem Vorgänger indes nicht nach. In nur wenigen Jahren vollendeten sie das Werk des Dänen auf meisterhafte Art und zauberten eine einzigartige Vertäfelung, die später das glanzvolle Kernstück des berühmten Bernsteinzimmers werden sollte.

Doch wie ihr dänischer Vorgänger blieben auch die Schöpfer des Bernsteinkabinetts nicht dauerhaft im Stand der Gnade. Als Preußens König kurz nach dem Einbau der Wandvertäfelung feststellte, dass die Wände hinter den Bernsteintafeln von Schimmelpilz befallen waren, ließ er den Meister Turau wegen Hochverrats in den Kerker werfen. Immerhin zierte das noch nicht gänzlich vollendete Getäfel ab 1711 im Stadtschloss das»tabacs-collegium« des Königs. In dieses Eckzimmer mit der teuersten Tapete der Welt, die den preußischen Staatssäckel empfindlich geleert hatte, konnte er sich zurückziehen, in vertrauter Gesellschaft ein Pfeifchen schmauchen, das Kartenspiel pflegen oder vertrauliche Gespräche führen.»Aller Zwang ist aus dieser Gesellschaft verbannet«, rühmte ein Höfling die Atmosphäre der Raucherstube,»und darf jedermann sitzen, inmassen der König von der Ihm sonst gebührenden Ehrerbietung zu der Zeit etwas nachlasset.«

Allzu lange jedoch konnte der barocke und kunstsinnige Herrscher den abendlichen Mußestunden im neuen Ecksaal nicht mehr frönen. 1713 starb der erste Preußenkönig.

Sein Sohn, der nach ihm den Thron einnahm, konnte unterschiedlicher nicht sein. Friedrich Wilhelm I. war ernst und sparsam, mied jede nicht unbedingt dienliche Staatsausgabe– bis zum Geiz. An die Stelle von barocker Verschwendungssucht traten Enthaltsamkeit und strenge Pflichterfüllung. Die Neigung des Thronfolgers gehörte nicht den Künsten und der Wissenschaft, sondern seiner Armee. Der»Soldatenkönig« trug als oberster Krieger selbst gern die Uniform, die unter seiner Herrschaft zum»Ehrenkleid« avancierte. Wie ein Rekrut schlief er auf einem Feldbett und deckte sich mit einem rauen Tuch zu.

Nicht nur das Militär formte Friedrich Wilhelm mit straffer Hand um, er schuf a