Eine schöne Wette
an einem unschönen Ort
Irgendein Genie hat mal gesagt, Liebe sei verwirrender, als bei Nebel durch ein Labyrinth zu laufen. Laut meiner besten Freundin Tini war ich selbst dieses Genie, womit sie Recht haben mag. Dieser ganze Gefühlswirrwarr ist aber auch mehr als beunruhigend. Liebe macht blind, unzurechnungsfähig, schwachköpfig, und ich will schließlich nicht an chronischer Hormonüberflutung leiden wie meine wertgeschätzte Mutter alle paar Wochen aufs Neue. Seit der Scheidung meiner Eltern vor einigen Jahren flattert sie nämlich wie eine Hummel von Liebschaft zu Liebschaft. Und das in ihrem biblischen Alter von fast fünfzig Jahren.
Tini meint, ich solle ihr das Vergnügen lassen, ich sei ja schon moralischer als eine Nonnenvorsteherin, aber das stimmt nicht. Ich kann es bloß nicht ausstehen, wenn sich weibliche Wesenà la Mami oder Tini, schrille Gluckser ausstoßend, auf alles Männliche stürzen, was bei zwei nicht auf dem Baum ist. Ebenso hasse ich es, mich vor Schulfesten und anderen Partys aufzustylen. Für Tini ist das allerdings ein absolutes Muss. Meistens steht sie zwei Stunden vor Abflug samt prall gefüllter Klamottentasche und Schminktäschchen bei mir vor der Tür und zwingt mich das ganze Theater mitzumachen. So auch an diesem Freitag. Unsere Schule feiert Halbjahreszeugnisse. Büffet, Discokugel, Lametta. Für die musikalische Beschallung sorgt unser Referendar Herr Helmig, der in seinem früheren Leben DJ war.
»Du ziehst am besten das hier an.« Tini zerrt einen lilafarbenen Fummel mit psychedelischen Kreisen aus ihrer Adidastasche und breitet ihn wie einen Gebetsteppich vor meinem Bett aus.
»Danke, mir ist schon schlecht«, erwidere ich.
»Das Kleid würde dir aber hervorragend stehen!« Tini hält es mir an, um mich dann wie seinerzeit die Hexe ihre beiden Opfer Hänsel und Gretel zu taxieren.»Beim Knutschen lässt es sichübrigens ganz leicht hochschieben.«
»Sehr witzig.« Ich stopfe das Teil zurück in Tinis Sporttasche und erkläre ihr, dass ich so gekleidet bleibe, wie ich bin. Jeans, T-Shirt und Pullover– zumal so ein nuttiges Outfit nun wirklich nicht mein Stil wäre.
»Aber Jeans und Pulli– das nennst du Stil!« Tini, die schon in voller Partymontur ist, will sich vor hämischem Gelächter ausschütten.
»Auf jeden Fall ist es geschmackvoller als das, was du da anhast.«
Ganz im Ernst: Tini sieht aus, als wolle sie zum Karneval. Sie trägt ein brombeerfarbenes Longsleeve mit Strassbesatz zu einem kurzen hellgelben Tellerröckchen, unter dem dünne froschgrüne Wollstrumpfhosenbeine hervorlugen, ihre Füße stecken in ausgetretenen Sneakers und an greller Schminke hat sie auch nicht gespart. Nur ihre haselnussbraunen Haare fallen glatt und schlicht auf ihre Schultern.
»Komm schon, Luisa, lass uns wenigstens was Witziges mit deinen Zotteln anstellen.« Grob wühlt sie sich durch mein feines, aschblondes Haar. Dumm nur, dass es viel zu fisselig ist, umüberhaupt irgendetwas damit anfangen zu können, geschweige denn, dass es sich zuwitzigen Frisuren stecken, binden oder flechten lässt.
»Autsch, lass das!«, protestiere ich.
»Aber du siehst total langweilig aus!«, quäkt Tini.
Besser langweilig als wie eine Witzfigur, denke ich ein bisschen gehässig.
Tini hat meine Haare inzwischen bis auf ein paar Strähnen vorne und im Nackenbereich hochgenommen und mit einer Glitzerspange am Hinterkopf festgesteckt.»Guck mal, wie findest du das?«
Ich trete vor den Ganzkörperspiegel, der gleich neben meiner Zimmertür im Flur angebracht ist.
»Gar nicht soübel«, räume ich ein.»Aber deine Schminksachen kannst du gleich wieder wegstecken.« Auch wenn mich Tini langweilig wie Toastbrot findet– um mich für Lidschatten& Co begeistern zu können, müsste ich schon ziemlich wehrlos sein, um nicht zu sagen: im Koma liegen.
Nebel. Ich sehe nichts als Nebel, in dem sich Arme wie Schlingpflanzen bewegen; das Wummern der Bässe hallt dumpf in meinem Magen wider. Erst nach einer Weile, als sich der Dunst schon ein wenig verzogen hat, erkenne ich einzelne Gesichter. Ben aus der Oberstufe rappt wie ein Profi, Annika aus meiner Klasse tanzt steifbeinig neben ihm, unsere Sportlehrerin Frau Rüttgers groovt im Rhythmus … dann teilt sich plötzlich die wogende Menge und Alex schlendert erhobenen Hauptes, die Hände in den Gesäßtaschen seiner Jeans vergraben, zur Bar rüber.
»Meine Güte, sieht der göttlich aus!«, stöhnt Tini wie beim Anblick einer besonders köstlichen Torte.
Alex geht noch nicht lange auf unsere Schule, genau gesagt seit drei Wochen, und ist in der Jahrgangsstufeüber uns.Äußerlich gleicht er (O-Ton Tini) einer Mischung aus Sahneschnittchen und Nougatglacé. Seine goldblonden, leicht gewellten Haare reichen ihm bis auf die Schulter, seine Haut schimmert bronzefarben, und er hat ein Zuckerwattelächeln, das selbst die stärkste Frau umhaut. Theoretisch. Praktisch stolziert er blasiert durch die Gegend, die Nase ein paar Zentimeter in die Luft gereckt, und ergeht sich in Schönheit. Vielleicht will er uns deutschen Bleichgesichtern demonstrieren, dass er uns nicht nur in Sachen Aussehen haushochüberlegen ist. Die letzten zwei Jahre hat er angeblich mit seinen Eltern in einer noblen Diplomatengegend in Dubai verbracht und dort ein ebenso nobles, wahrscheinlich multilinguales Gymnasium besucht.
»Den würde ich ja gern mal vernaschen.« Tini ist stehen geblieben und starrt Alex’ knackigem Jeans-Po nach.»Du auch?«
»Wenn er ein Osterhase wäre, vielleicht. So aber nicht.«
»Verstehe.« Sie f&a