Kapitel 1
Es war vier Uhr nachmittags. Die Sonne versanküber dem grünen Tal gen Westen, und erste Wolkenstreifen zogenüber die nördliche Gebirgskette, deren Gipfel sich kobaltblau vom pfirsichfarbenen Hintergrund des Himmels abhoben.
Es war Spätsommer in Capricorn. Unten an der Küste, in Lae, Madang und Wewak, verwünschten die Menschen die Schwüle und sehnten die kühlen Nachtwinde herbei, doch hier oben in den Tälern des Hochlandes, fünftausend Fußüber dem Meeresspiegel, war die Zeit der größten Hitze vorbei. Nach Einbruch der Dunkelheit spürte man den Temperaturrückgang mit aller Deutlichkeit. Kurt Sonderfeld stand auf der breiten Veranda seines mit Palmenblättern gedeckten und von Bambusstauden umrahmten Bungalows und blickteüber das Tal, wo unter Reihen schattenspendender Bäume der junge Kaffee wuchs; er schaute hinüber zu den Hütten des Chimbu-Dorfes und zur Prozessionsstraße, die zum Tanzplatz führte.
Obgleich man es ihm kaum angesehen hätte, war er ruhelos. Die Fähigkeit, sich innerlich zu sammeln, dazu die lang und mühsam eingeübte Selbstkontrolle boten Schutz vor Hinterhalt und menschlicher Enttäuschung.
Doch selbst wenn man diese Ruhelosigkeit vermutet hätte, so wäre es doch schwergefallen, den Grund dafür zu nennen. Er war mit einer Frau verheiratet, deren slawische Schönheit von Madang bis Mount Hagen schon Legende war; seine Kaffeepflanzung war in gutem Zustand, seine Vergangenheit war sorgfältig begraben, und selbst mit den Behörden stand er auf gutem Fuß. Er herrschte in diesem Tal wie ein kleiner Landesfürst– fünfzig Meilen entfernt vom Sitz und Zugriff des Distriktverwalters in Goroka.
Und dennoch war er ruhelos, selbst seine sonst so ausgezeichnete Zigarre schmeckte bitter. Auch fand er diesmal keine Freude am Anblick grüner Wiesen vor dem Bungalow, am weiten Panorama bis zum Fuß der lilaroten Berge, deren Menschen ihm, wie kaum einem Weißen, in ehrfurchtsvoller Dienstbarkeit ergeben waren. Gerade heute abend brauchte er dringend Ruhe; gerade heute aber würde man sie ihm verwehren. Schon für die nächste Stunde waren Gäste angesagt; sie würden hier vor seinem Hause sitzen, seinen Whisky trinken und seine Speisen zu sich nehmen und dann mit jenem Temperament und Redefluß bis in die tiefe Nacht Gespräche führen, wie es für einsame Menschen typisch ist; und währenddessen würden Kundu-Trommeln dröhnen, und der Singsang aus dem Dorf würde mit dem Wind herübertreiben.
Zum Teufel, sollen sie doch kommen!
Er schnippte die Zigarre weg und sah zu, wie sie auf der dunklen Erde langsam weiterglühte.
Er war groß, kompakt und breitschultrig und hielt sich gerade wie ein Baum. Die hohe Stirn wölbte sich gleich einer Kuppel bis zum rötlichen, kurz gestutzten Haaransatz. Vom Ohr bis an die Kerbe seines grob geformten Kinnes lief am Kiefer entlang die braune Linie einer Narbe. Die Lippen seines Mundes erinnerten an eine zugeschnappte Mausefalle.
Eine ganze Weile stand er so, während seine Handüber das glänzende Bambusgeländer strich, als wollte er sein aufgewühltes Inneres besänftigen. Mit einem Mal entspannte sich der Mund. Er verließ die Veranda und gingüber einen Kiesweg auf eine kleine Bambushütte zu, die direkt am Rand der Pflanzung lag.
Es war sein Laboratorium– kompakt und rationell, genau wie er selbst. Hier war er nicht länger Kurt Sonderfeld, ein Emigrant aus Not, ein Arzt durch Gunst und Gnade, ein Pächter unter der hiesigen Treuhandverwaltung, sondern der alte Kurt Sonderfeld, Doktor der Medizin, Freiburg/Bonn, Berater der Malariakontrollkommission, Mitarbeiter verschiedener Fachorgane und Mitglied wissenschaftlicher Gremien in Europa und den Vereinigten Staaten. Er grinste verbissen, als vertraute Erinnerungen in ihm aufstiegen. Für viele seiner Kollegen war ihre Vergangenheit ein Handicap gewesen&n