: Morris L. West
: Kundu
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955302542
: 1
: CHF 3.60
:
: Spannung
: German
: 160
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In einem Tal am Fuße der purpurfarbenen Berge von Neuguinea leben unter den Einbeborenen einige Weiße. Einer von ihnen ist Kurt Sonderfeld, ein Mann mit dubioser Vergangenheit, der seinen starken Einfluß auf die Eingeborenen mißbraucht, um seine sexuellen und machtpolitischen Ambitionen zu befriedigen. N'Daria, das Eingeborenenmädchen mit der starken erotischen Ausstrahlung, und Kumo, der Zauberer, der früher ein Schüler von Pater Louis war, verfallen Sonderfelds psychopathischer Persönlichkeit. Doch die Leidenschaften und die Machtansprüche der Weißen kollidieren mit jahrhundertealten Überlieferungen: Beim Dröhnen der Kundu-Trommeln geraten die Eingeborenen in den Bann von Ekstase, Sex und Zauberei. Und nachts beim Rauch der Holzfeuer beschwören sie schwarze Magie. Der zunehmenden Gewalttätigkeit weiß am Ende nur George Oliver zu begegnen - ein Mann, der sich stets für die Eingeborenen eingesetzt hat ...

Morris Langlo West wurde 1916 in St. Kilda, Australien geboren. Mit 14 Jahren trat er in den Orden der Christian Brothers ein, der Katholizismus beeinflusste West nachhaltig. 1937 schloss er sein Studium an der University of Melbourne ab und unterrichtete anschließend moderne Sprachen und Mathematik an den Klosterschulen des Ordens in New South Wales. 1942 verließ er den Orden und kämpfte etwa zu dieser Zeit auch im Zweiten Weltkrieg, bis er 1943 Sekretät des früheren australischen Premierministers, Billy Hughes, wurde. Während seiner Zeit bei der Armee schrieb er ein Buch über sein Leben im Kloster, das er 1945 unter dem Pseudonym Julian Morris veröffentlichte. Etwa zur Zeit des Kriegsendes arbeitete er für den australischen Rundfunk, nachdem er jedoch wegen eines Zusammenbruchs ein Jahr im Krankenhaus gelegen hatte, verkaufte er sein Unternehmen und arbeitete fortan ausschließlich als Schriftsteller. Sein erster Gedichtband erschien 1955, gefolgt von den erfolgreichen Romanen 'Gallows on the Sand' im selben Jahr und 'Kundu' ein Jahr später. Mit dem Geld, das er mit den Romanen verdiente, reiste er ins Ausland und lebte einige Zeit in Österreich, Italien, England und den USA. Viele seiner Bücher sind von seiner Zeit in Italien inspiriert. Erst 1980 kehrte er nach Australien zurück. Wests Bekanntheit wurde durch einige Verfilmungen seiner Bücher noch gesteigert. Viele seiner Werke behandeln ethisch-religiöse Konflikte oder haben politische Brisanz. Am 9. Oktober 1999 starb Morris West in Sydney.

Kapitel 1


Es war vier Uhr nachmittags. Die Sonne versanküber dem grünen Tal gen Westen, und erste Wolkenstreifen zogenüber die nördliche Gebirgskette, deren Gipfel sich kobaltblau vom pfirsichfarbenen Hintergrund des Himmels abhoben.

Es war Spätsommer in Capricorn. Unten an der Küste, in Lae, Madang und Wewak, verwünschten die Menschen die Schwüle und sehnten die kühlen Nachtwinde herbei, doch hier oben in den Tälern des Hochlandes, fünftausend Fußüber dem Meeresspiegel, war die Zeit der größten Hitze vorbei. Nach Einbruch der Dunkelheit spürte man den Temperaturrückgang mit aller Deutlichkeit. Kurt Sonderfeld stand auf der breiten Veranda seines mit Palmenblättern gedeckten und von Bambusstauden umrahmten Bungalows und blickteüber das Tal, wo unter Reihen schattenspendender Bäume der junge Kaffee wuchs; er schaute hinüber zu den Hütten des Chimbu-Dorfes und zur Prozessionsstraße, die zum Tanzplatz führte.

Obgleich man es ihm kaum angesehen hätte, war er ruhelos. Die Fähigkeit, sich innerlich zu sammeln, dazu die lang und mühsam eingeübte Selbstkontrolle boten Schutz vor Hinterhalt und menschlicher Enttäuschung.

Doch selbst wenn man diese Ruhelosigkeit vermutet hätte, so wäre es doch schwergefallen, den Grund dafür zu nennen. Er war mit einer Frau verheiratet, deren slawische Schönheit von Madang bis Mount Hagen schon Legende war; seine Kaffeepflanzung war in gutem Zustand, seine Vergangenheit war sorgfältig begraben, und selbst mit den Behörden stand er auf gutem Fuß. Er herrschte in diesem Tal wie ein kleiner Landesfürst– fünfzig Meilen entfernt vom Sitz und Zugriff des Distriktverwalters in Goroka.

Und dennoch war er ruhelos, selbst seine sonst so ausgezeichnete Zigarre schmeckte bitter. Auch fand er diesmal keine Freude am Anblick grüner Wiesen vor dem Bungalow, am weiten Panorama bis zum Fuß der lilaroten Berge, deren Menschen ihm, wie kaum einem Weißen, in ehrfurchtsvoller Dienstbarkeit ergeben waren. Gerade heute abend brauchte er dringend Ruhe; gerade heute aber würde man sie ihm verwehren. Schon für die nächste Stunde waren Gäste angesagt; sie würden hier vor seinem Hause sitzen, seinen Whisky trinken und seine Speisen zu sich nehmen und dann mit jenem Temperament und Redefluß bis in die tiefe Nacht Gespräche führen, wie es für einsame Menschen typisch ist; und währenddessen würden Kundu-Trommeln dröhnen, und der Singsang aus dem Dorf würde mit dem Wind herübertreiben.

Zum Teufel, sollen sie doch kommen!

Er schnippte die Zigarre weg und sah zu, wie sie auf der dunklen Erde langsam weiterglühte.

Er war groß, kompakt und breitschultrig und hielt sich gerade wie ein Baum. Die hohe Stirn wölbte sich gleich einer Kuppel bis zum rötlichen, kurz gestutzten Haaransatz. Vom Ohr bis an die Kerbe seines grob geformten Kinnes lief am Kiefer entlang die braune Linie einer Narbe. Die Lippen seines Mundes erinnerten an eine zugeschnappte Mausefalle.

Eine ganze Weile stand er so, während seine Handüber das glänzende Bambusgeländer strich, als wollte er sein aufgewühltes Inneres besänftigen. Mit einem Mal entspannte sich der Mund. Er verließ die Veranda und gingüber einen Kiesweg auf eine kleine Bambushütte zu, die direkt am Rand der Pflanzung lag.

Es war sein Laboratorium– kompakt und rationell, genau wie er selbst. Hier war er nicht länger Kurt Sonderfeld, ein Emigrant aus Not, ein Arzt durch Gunst und Gnade, ein Pächter unter der hiesigen Treuhandverwaltung, sondern der alte Kurt Sonderfeld, Doktor der Medizin, Freiburg/Bonn, Berater der Malariakontrollkommission, Mitarbeiter verschiedener Fachorgane und Mitglied wissenschaftlicher Gremien in Europa und den Vereinigten Staaten. Er grinste verbissen, als vertraute Erinnerungen in ihm aufstiegen. Für viele seiner Kollegen war ihre Vergangenheit ein Handicap gewesen&n