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Auf dem weißen Strand von Hiva Oa, der hinausführte auf den Mondaufgang und auf die Brecherübermäußeren Riff, saß unter einer Palme Kaloni Kienga, der Seefahrer, und zeichnete Bilder in den Sand. Er war ein alter Mann und geheiligt– geheiligter noch als der Häuptling–, denn er kannte alle Geheimnisse der See: wie der Wind aufseufzte vor einer bösen Bö, wie die Strömungen abbogen, wenn sie an diesem oder irgendeinem anderen Atoll vorüberliefen, und wie daste lapa, der Unterwasserblitz, in zehn Faden Tiefe aufleuchtete, selbst wenn der Himmel um Mitternacht schwarz und sternenlos war.
Die Bilder, welche Kaloni in den Sand zeichnete, waren mystische Zeichen– genauso wie diejenigen, die er auf Armen und Brust tätowiert trug. Ihre Namen wurden nur in der heiligen Sprache der Ahnen genannt. Die steigende Flut würde sie später wieder fortspülen, der Wind ihre Silben verwehen, so daß bis auf die geheiligten Männer niemand sie je verstehen würde.
Für Kaloni war dieses Bilder-in-den-Sand-Zeichnen kein müßiger Zeitvertreib. Es war vielmehr ein schöpferischer Akt, die Erschaffung dessen, was– längst bevor der Same, der ihn geschaffen, in den Leib seiner Mutter eingepflanzt wurde– bestimmt, erträumt worden war und was Wirklichkeit werden mußte. Die Ereignisse, welche er in symbolische Zeichen faßte, mußten geschehen und würden eintreten; er konnte genausowenig etwas an ihnenändern wie seinen Finger aus dem Sand zurückziehen, ehe nicht das ganze Bild vollendet war.
Der Mond, der heute abend heraufzog, war ein sterbender Mond. An dem Tag, da er neu und jung wieder am Himmel erschien, würde zugleich mit ihm geistergleich das Schiff durch die Fahrrinne gleiten und– die Segel ausgespannt wie die Schwingen eines Seevogels– vor dem Nachtwind hereinlaufen. Er würde die Leinwand knattern hören, wenn das Schiff in der Brise beidrehte, würde die Ankertrosse ausrauschen hören, wenn sie in der Lagune Anker warfen. Schwarz und kahl, mit gerefften Segeln würde es vor der schmalen Sichel des Mondes stehen, am Anker treiben, und seine gelben Lichter würden sich auf dem glatten Wasser spiegeln. Anfangs würde er auch die Stimmen der Mannschaft vernehmen, und danach würde Schweigen eintreten, wenn sie sich niederlegten, um nach der langen Fahrtüber den Ozean auszuruhen. Sodann würde schlank wie ein silberner Fisch ein Mann aus dem Schweigen zu ihm kommen: der Verheißene, der Weggenosse, der ihn eine lange Strecke auf seiner letzten Fahrt begleiten würde– bis kurz vor seiner Landung auf jener Insel, wo die Passatwinde zu Hause waren.
Daß er kommen würde, war genauso gewiß wie der Aufgang des Mondes. Gewiß war auch seine letzte Landung: im Heimathafen aller Seekundigen, dem Ort der Heimkehr, der unter der Umlaufbahn des Sirius lag, des Hundssterns, unter dem schimmernden Pfad des Gottes Kanaloa. Kaloni Kienga zeichnete ein letztes Symbol in den Sand, das Zeichen des Schutzgeistes, der ihn bei seiner Ankunft begrüßen würde, um ihn für immer sicher vor jedem Gestörtwerden in seine Arme zu schließen. Dann neigte Kaloni Kienga kniend das Haupt und schlief, bis die steigende Flut seine Fußsohlen netzte.
In derselben Nacht stand zweitausendfünfhundert Meilen weiter im Nordosten James Neal Anderson, der Vorstand des Instituts für Meereskunde der Universität Hawaii, in seinem Garten und beobachtete, wie derselbe Rest des abnehmenden Mondesüber der Wahila-Kette aufging. Die linde Luft war geschwängert mit dem Duft von Ingwerblüten, Jasmin und Frangipani. Wo das Licht zwischen Blätter und rankende Orchideen fiel, schimmerte es grüngolden und scharlachrot. Einst hatte er diesen Garten wegen seiner satten Wohlgerüche und seinesüppigen Pflanzenwuchses geliebt. Er bot Geborgenheit vor der hektischen Geschäftigkeit und den Intrigen einer großen, vielsprachigen Universität. Später war sein Garten zu einem Ort der Einsamkeit geworden, gefährlich für einen Mann, der nach zwanzig Jahren einer erfüllten Ehe allein zurückgeblieben war. Heute abend sollte der Garten zu einer Hinrichtungsstätte werden.
Es war ein Fehler gewesen, Thorkild ausgerechnet hierher zu bitten. Es gab Dinge, die man am besten in aller Form im Büro des Institutsdirektors erledigte, in der Nähe hilfreicher Ablenkungen durch Telefone, Sekretärinnen und Studenten, die vorsprachen, um ihn zu besuchen. Aber Gunnar Thorkild verdiente etwas Besseres als die unpersönlicheÜberreichung eines Todesurteils und eine rasche unblutige Hinrichtung. Er war ein viel zu bedeutender Mann, als daß man ihn mit kurzen bedauernden Worten und nichtssagenden Höflichkeitsfloskeln abspeisen konnte.
Gewiß, er war eigensinnig und streitbar, zu polterig bei Auseinandersetzungen und zu ungeduldig, wenn es um die Ansichten seiner Vorgesetzten ging, viel zu wenig gewandt in diplomatischem Verhalten, wie es an einer so großen und empfindlichen Stätte der Gelehrsamkeit an den Kreuzungswegen zwischen Asien und dem Westen erforderlich war. Er war zu schnell aufgestiegen und noch zu jung. Er besaß zu viel Charme für seine Studentinnen und die Frauen der Professoren und nahm zu wenig Rücksicht auf ihre Partner, die weniger ungebunden, weniger hübsch und weniger brillant waren als er selbst. Trotzdem verdiente er Hochachtung, und James Neal Anderson dachte nicht daran, sie ihm zu versagen.
Tanaka, der Hausdiener, kam mit einem Tablett mit Gläsern und Flaschen in den Garten und setzte es auf einen Korbtisch neben einem Ordner nieder, in dem Vergangenheit und Gegenwart von Dr. phil. Gunnar Thorkild aufgezeichnet waren und der alle seine Veröffentlichungen enthielt:
»Lautverschiebungen in den polynesischen Dialekten«, eine»Vergleichende Studieüber Mythen und Legenden Ozeaniens«, ein»Handbuch polynesischer Seefahrt« nebst einem Anhangüber den»Kult des Seefahrers«.
»Soll ich Ihnen ein Glas einschenken, Doktor?«
»Nein danke, Tanaka. Ich warte, bis unser Gast kommt.«
»Er hat gerade angerufen. Er kommt ein paar Minuten später.«
»Das macht nichts. Ich warte.«
Auf Gunnar Thorkild warten zu müssen war nichts Neues. Er kam zu spät zu Vorlesungen, Sitzungen des Lehrkörpers, Parties, akademischen Feiern; und wenn er schließlich doch kam, dann stets in heller Aufregung und nachlässig gekleidet, setzte ein schiefes Grinsen auf, warf mit einem Ruck seine blonde Mähne zurück und brachte eine weitschweifige und lautstarke Entschuldigung vor, mit der er jedermann auf die Nerven fiel. Wie der Rektor einmal trocken bemerkt hatte:
»Thorkild sieht immer au