2
In New York fühle ich mich sofort zu Hause – als schamloser Kapitalist, der sich an den Gewinnen des freien Unternehmertums bereichert hat. Ich habe ein Appartement in den East Sixties, einen japanischen Diener, einen guten Club und eine Blütenlese von Freunden beiderlei Geschlechts. Trotz all ihrer verrückten Auswüchse liebe ich die Stadt. Ihre lärmende Geschäftigkeit, ihr lakonischer Zynismus und ihre schlechten Manieren gefallen mir. Das Leben dort ist nicht ohne Risiko – man kommt leicht zu Tode. Aber ich fühle mich hier wohler als in jeder anderen Großstadt der Welt.
Hier genieße ich auch die Segnungen des Privatlebens, denn ich habe einen Fernsprechanschluß, der nicht im Telefonbuch steht, habe den Namen eines anderen an der Tür und bediene mich eines Appartements der Bank imSalvador, wo ich langweilige Gäste bewirten kann, ohne daß sie den Fuß über die Schwelle meines eigenen Heims setzen müssen. Das Arrangement bietet auch diplomatische Vorteile. ImSalvador werden Geschäfte in aller Öffentlichkeit abgewickelt. Es lohnt sich also für mich, eine Art Doppelleben zu führen: in dem einen Schlupfwinkel meine Köder auszulegen und in dem anderen auszuruhen.
Um acht Uhr morgens ließ ich mich, übernächtigt und verschlafen, imSalvador kurz sehen. Um neun war ich in meinem eigenen Appartement. Um zehn war ich, dank den Handreichungen von Takeshi, rasiert, gebadet, verpflegt und sah wieder wie ein Mensch aus. Um zehn Uhr dreißig schlenderte ich die Third Avenue entlang, um Verbindung mit Aaron Bogdanovich aufzunehmen, der mit Terror und sehr teuren Blumen handelte.
Das Blumengeschäft blühte. Zwei mit Scheren und Draht bewaffnete Mädchen fertigten Tischdekorationen an; ein exotisch aussehender junger Mann packte einen Strauß in eine Schachtel. Eine würdevolle Dame mit Goldrandbrille, einem zitronengelben Kleid und breitem Lächeln fragte nach meinem Begehr und ratterte eine ganze Liste von Frühlingsblumen herunter, bevor ich überhaupt zu Wort kam. Als ich sagte, ich möchte mit dem Besitzer sprechen, schwand ihr Lächeln, und sie interessierte sich jetzt nicht mehr für meine Blumenwünsche, sondern nur noch für meinen Namen und für mein Anliegen.
Meine Antwort schien sie wenig zu befriedigen. Als ich Karl Krügers Brief vorwies, nahm sie ihn vorsichtig, als handele es sich um Sprengstoff, in die Hand, legte ihn auf ein Tablett und trug ihn ins Hinterzimmer. Kurz darauf war sie wieder da und sagte, ich solle die Third Avenue zuGinty’s Tavern hinuntergehen und auf einen Anruf in der Telefonzelle warten. Ich verließ den Laden mit einer kurzen Verbeugung und fühlte mich irgendwie aussätzig und ungeliebt.
BeiGinty’s trank ich Tomatensaft und zählte die Flaschen auf den Regalen, bis das Telefon klingelte und mir eine Stimme befahl, zu Fuß in die Saint Patrick’s Cathedral zu gehen und im ersten Beichtstuhl neben dem rechten Gang niederzuknien. Ich hielt die ganze Geheimniskrämerei inzwischen für reinen Unsinn und sagte das auch. Die Stimme unterbrach mich kurz angebunden:
»In Bankangelegenheiten kommen wir zu Ihnen. In unserem Geschäft sind wir die Spezialisten... Okay?«
Man konnte es natürlich auch so ausdrücken – meinetwegen. Außerdem war es nicht weit zur Saint Patrick’s Cathedral, und ein bißchen Beten konnte nicht schaden – vorausgesetzt, mir fielen noch die richtigen Worte ein. Der Beichtstuhl war dunkel und roch säuerlich nach alten Sünden. Das Gitterwerk, das den Reuigen vom Beichtvater trennte, war mit undurchsichtiger Gaze bespannt. Die Stimme, die von der anderen Seite zu hören war, klang wesenlos, ein eintöniges Flüstern.
»Sie sind Paul Desmond?«
»Ja.«
»Ich bin Aaron Bogdanovich. Ich habe ein untrügliches Gedächtnis. Sie werden mir sagen, welchen Service Sie von mir erwarten. Ich werde Ihnen sagen, ob und zu welchen Bedingungen wir Ihre Wünsche erfüllen können. Fangen Sie bitte an.«