: Morris L. West
: Der zweite Sieg
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955302450
: 1
: CHF 3.60
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: Spannung
: German
: 224
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Verfilmt mit Mario Adorf! In Bad Quellenberg, einer kleinen Stadt in Österreich, stößt der britische Besatzungskommandant Hanlon in der chaotischen Nachkriegszeit auf unerwartete Schwierigkeiten. Sein Fahrer wurde auf dem Weg nach Bad Quellenberg heimtückisch erschossen. Hanlon muß zu seinem Entsetzen erkennen, daß die Einheimischen den Mörder decken. Neben dem Polizeichef Fischer, der Hanlons Bemühungen mit allen Mitteln hintertreibt, begegnen ihm Pater Albertus, sein früherer Novizenmeister; Bürgermeister Holzinger, der, um Stellung und Besitz zu retten, seine hübsche Tochter ins Spiel bring; und Anna, ein junges Mädchen, dessen Frische und Charme ihn tief beeindrucken.Da geschieht ein weiterer Mord, und Besatzungskommandant Hanlon, der von allem Anfang an bemüht war, in seinem Gebiet wieder Recht und Ordnung zu schaffen, muß einsehen, daß seinem Idealismus Grenzen gesetzt sind...

Morris Langlo West wurde 1916 in St. Kilda, Australien geboren. Mit 14 Jahren trat er in den Orden der Christian Brothers ein, der Katholizismus beeinflusste West nachhaltig. 1937 schloss er sein Studium an der University of Melbourne ab und unterrichtete anschließend moderne Sprachen und Mathematik an den Klosterschulen des Ordens in New South Wales. 1942 verließ er den Orden und kämpfte etwa zu dieser Zeit auch im Zweiten Weltkrieg, bis er 1943 Sekretät des früheren australischen Premierministers, Billy Hughes, wurde. Während seiner Zeit bei der Armee schrieb er ein Buch über sein Leben im Kloster, das er 1945 unter dem Pseudonym Julian Morris veröffentlichte. Etwa zur Zeit des Kriegsendes arbeitete er für den australischen Rundfunk, nachdem er jedoch wegen eines Zusammenbruchs ein Jahr im Krankenhaus gelegen hatte, verkaufte er sein Unternehmen und arbeitete fortan ausschließlich als Schriftsteller. Sein erster Gedichtband erschien 1955, gefolgt von den erfolgreichen Romanen 'Gallows on the Sand' im selben Jahr und 'Kundu' ein Jahr später. Mit dem Geld, das er mit den Romanen verdiente, reiste er ins Ausland und lebte einige Zeit in Österreich, Italien, England und den USA. Viele seiner Bücher sind von seiner Zeit in Italien inspiriert. Erst 1980 kehrte er nach Australien zurück. Wests Bekanntheit wurde durch einige Verfilmungen seiner Bücher noch gesteigert. Viele seiner Werke behandeln ethisch-religiöse Konflikte oder haben politische Brisanz. Am 9. Oktober 1999 starb Morris West in Sydney.

1


Sie hatten das Tal hinter sich gelassen und fuhren nun auf der Straße, die sich in gefährlichen Kurven den Berg hinaufwand, höher und höher. Zu ihren Füßen fiel der Hang steil ab zu dem Bach, der unter überhängendem Eis und kahlen Erlenzweigen dahinrauschte. Über ihnen erhob sich die Bergwand mit ihren dunklen Tannenstreifen, und jenseits der Bäume erstreckte sich die Schneedecke gleichmäßig bis zum Gipfel, bis zum Blau des Mittagshimmels.

Der Jeep kam auf der vereisten Straße ins Schleudern; Sergeant Willis riß ihn vom Abhang zurück und hielt an. Sie stiegen aus und kurbelten ihn mit dem Wagenheber hoch, um die Schneeketten anzulegen. Während Willis sie festmachte und über die Kälte schimpfte, ging Major Hanlon auf die Straßenmitte und blickte den Berg hinauf.

Genau über ihm durchschnitt eine breite Schneise den Tannenwald. Zu beiden Seiten ragten die dunklen Stämme wie die Pfeiler eines alten Kirchenschiffs in die Höhe, und ihre Fluchtlinie zog seinen Blick an und lenkte ihn weiter bis hinauf zu der scharfgeschnittenen Silhouette des Bergsattels. Unter den Tannen war der Schnee braun von abgefallenen Nadeln, doch jenseits der Bäume bildete er eine blendendweiße Decke, die nur vom Grau der Felskuppe aufgelockert wurde und eingerahmt war von den Orgelpfeifen des Grauglockners.

Dann sah er den Schiläufer.

Er stand oben auf dem Bergrücken, eine winzige schwarze Puppe, mit dem Kopf im blauen Himmel und den Füßen im weißen Schnee. Hanlon nahm den Feldstecher aus der Hülle an seinem Hals und stellte ihn auf die reglose Figur ein.

Einen Augenblick später setzte sich die Puppe in Bewegung – langsam zuerst, indem sie sich mit den Stöcken abstieß, dann, als sie den steileren Hang erreicht hatte, schneller und schneller. Beim ersten Felsvorsprung bremste der Läufer und wendete in einem Stemmbogen – so eng, daß Hanlon einen Pfiff der Bewunderung ausstieß. Durch das Glas sah er den Schnee aufstäuben und den waghalsigen Winkel, den der Körper des Mannes bildete. Gleich darauf richtete er sich auf und fuhr in einem langen schrägen Schuß abwärts auf die Waldschneise zu. Dort würde er mit neunzig Stundenkilometern ankommen.

Hanlons überraschter Ausruf brachte Willis mit einem Sprung an seine Seite, und so standen sie nebeneinander und verfolgten den Läufer in seiner selbstmörderischen Fahrt den blendendweißen Hang herab. An den vorstehenden Felsen bremste und wendete er nicht mehr; er sprang oder vielmehr flog darüber hinweg wie ein ungefüger Vogel, die Stöcke gleich Flügelspitzen waagerecht hinter sich haltend, um beim Aufsetzen nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Die beiden Männer verfolgten ihn atemlos und warteten, daß er stürze und mit gebrochenen Gliedern den Hang herunterrolle. Aber er stürzte nicht. Immer schneller kam er näher, so daß sie schließlich das Grau seiner Uniform und die grünen Regimentsabzeichen der Gebirgsjäger, das Gewehr auf dem Rücken und das dunkelglänzende Pistolenkoppel erkennen konnten.

Hanlon ließ das Fernglas einen Augenblick sinken und schaute Willis erstaunt an. Der Krieg war seit Monaten beendet. Den offiziellen Berichten nach waren alle österreichischen Einheiten entwaffnet und aufgelöst. Die Besatzungsmächte kontrollierten das Land bis in die entlegensten Winkel. Was wollte dieser Mann hier, der bewaffnet und in Uniform in wilder Abfahrt den Hang herunterkam?

Hanlon hob das Fernglas wieder an die Augen. Der Schiläufer näherte sich dem Ende seiner Fahrt. Er flog dahin wie der Wind, und sie sahen voraus, daß er über die schmale Lichtung hinausschießen und seinen Lauf in dem Tannenriegel beenden würde. Gleich darauf hatten sie ihn aus den Augen verloren; sie starrten den Säulengang der Bäume empor und warteten auf das Krachen und die Schreie. Doch außer dem Rauschen des Baches und dem Flüstern des Windes hörten sie keinen Laut.

Es dauerte vielleicht dreißig Sekunden, bis der Schiläufer wieder auftauchte; er glitt leicht über den Hang, der sich quer zu dem Waldstreifen hinzog. Die beiden Stöcke hatte er mit der einen Hand gefaßt, in der anderen trug er das Gewehr. Am Fluchtpunkt der beiden Baumreihen hielt er an, stieß die Stöcke in den Schnee und schaute zu den Männern hinunter. Die Sonne fiel auf sein Gesicht; sie sahen seine eingefallenen, von Bartstoppeln geschwärzten Wangen und, auf der rechten Seite, das rote Gewebe einer eben verheilten Wunde, die vom Auge bis zum Kinn reichte. Hanlon winkte und rief auf deutsch:

»Grüß Gott! Kommen Sie einen Augenblick heru